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Die Fallen des narrativen Schreibens – am Beispiel

Nackt im Garten
Wenn du eine erotische Geschichte schreiben willst, solltest du dir vorher gut überlegen, ob du den „Erzählmodus“ wählen solltest, den wir alle einmal in der Schule gelernt haben.

Ich will euch zunächst ein Textbeispiel aus dem Internet zeigen. Im Original (1) zeigt es sich so:

Die Frau lag dort und schlief. Sie war splitternackt. Ich war wie vom Blitz getroffen, denn erstens war ich überrascht und zweitens hatte sie einen wunderschönen Körper.


Er ist ein Beispiel, wie mit einem Thema erzählerisch, also narrativ umgegangen wird. Ein Mann erzählt, wie er seine Nachbarin überraschenderweise im Garten vorfand: auf einer Liege, schlafend und splitternackt.

Daraufhin berichtet der Mann, er sei „wie vom Blitz getroffen“, bleibt aber offenbar bei Sinnen und seine angedeutete Ohnmacht wandelt sich in die „Überraschung“, gefolgt von „und zweitens hatte sie einen wunderschönen Körper.“

Mir geht es nicht darum, die dahinterstehende Geschichte zu kritisieren. Ich will euch nur zeigen, wie die sogenannte „narrative“ Schreibweise, zum „Aneinanderreihen von Sätzen“ führt, statt zu einer lebendigen erotischen Geschichte.

Das beginnt schon bei dem Satz: „Sie war splitternackt.“ Er beschreibt einen Zustand, aber nicht das Gefühl, das der Erzähler hatte, als er diese Frau plötzlich nackt im Garten sah. Das Wort „splitternackt“ wird zudem plakativ. Der Autor will die Gefühle im nächsten Satz nachliefern, begeht aber wieder den gleichen Fehler.

Wieder ist es ein plakativer Begriff, die in keiner Weise das ausdrückt, was die Person empfindet: „Er war wie vom Blitz getroffen.“ Diese Redensart steht normalerweise für einen emotionalen Zustand, in dem kein klares Denken mehr möglich ist: Der Blitz zerstört die Wahrnehmung, und man konzentriert sich auf das psychische Überleben. Ist das hier der Fall? Nein, offenbar nicht. Denn indem uns der Erzähler mitteilt, dass er völlig paralysiert vor der Nackten steht, wertet er den Zustand im nächsten Satz ab: Er war überrascht. „Überrascht sein“ ist sicherlich der korrektere Ausdruck, denn er hat nicht erwarten, die Nachbarin nackt zu sehen. Aber auch dieser Satz sagt nicht über seine Gefühle aus. Kombiniert mit „denn sie hatte einen wunderschönen Körper“ wird sein Zustand der Verwirrung erneut verflacht: „Ach, sie hat einen wunderschönen Körper.“ Ungefähr der Gedanke, der viele Männer befällt, wenn sie sich Aktfotos ansehen: „Guck, die hat einen schönen Körper.“

Wie ich schon sagte, greife ich ich den Autor damit nicht an. Er orientiert sich, wie so viele andere, an dem, was er gelernt hat: „Schreiben heißt erzählen.“

Wie würde diese Situation nun auf uns wirken, wenn wir „Show, don’t Tell“ verwenden würden und den „Passivmodus“ dabei auch verließen?


Ihr schöner Körper lag völlig nackt vor mir, und ihre Brüste hoben und senkten sich, während sie atmete. Ich war so überrascht, dass ich sie eine Weile anstarrte, bevor mir bewusst wurde, was ich da eigentlich tat. Erst dann lockerte sich mein Blick und ich sah, wie schön sie war. Eine reine, makellose Haut, wunderschöne Brüste … und schließlich der leicht geöffnete Schritt, um den sich feine blonde Schamhaare kräuselten.

Obgleich der Text erweitert wurde, ist er kürzer als der Originaltext (2), in den zahllose „Füllsätze“ eingebaut wurden, die für eine Kurzgeschichte nicht notwendig sind.

(1) Falls ihr die Original-Geschichte aufruft, aus der ich zitierte: Sie enthält mehrere Passagen, die eine ausgesprochen „direkte“ Sprache verwenden. Das ist übrigens auch eine Folge der Unsitte, Sätze aneinanderzureihen statt sich sich in die Situation der Figuren einzufühlen. Meine Warnung: Nicht am Arbeitsplatz lesen und möglichst gar nicht, wenn du Bedenken gegen „harte“ Sexszenen hast. Hier der Link zu Orion.
(2) Die zitierte Textpassage ist kürzer als der Absatz, aus dem sie stammt.

Der Liebesroman – noch nicht sehr erotisch, aber sinnlich

Romantik und Sex im Roman
Liebesromane handeln von der Liebe, aber gute Liebesromane schließen noch ein anderes Thema mit ein. Beschrieben wird ja das Leben, und das findet nicht nur in lauschigen Sommernächten statt. Die Liebe bohrt sich sozusagen wie ein Pfeil in den Alltag, der vielleicht ganz anders geplant war. Und schon sind wir „mitten drin“: Im Mittelpunkt jedes publikumssicheren Liebesromans steht ein Konflikt, der die Liebenden zu trennen droht.

In der einfachsten Form der Liebesgeschichte ist es der innere Konflikt deiner Figur. Sie ist sich nicht sicher, ob sie sich wirklich auf die Liebe (aber auch auf Lust, Leidenschaft, Obzessionen oder Sex) einlassen soll. Der innere Konflikt wird also von Widersprüchen getragen, zum Beispiel, wie sich die Hingabe an den anderen auf die eigene Zukunft auswirkt.

Kurzgeschichten eignen sich durchaus für die Liebe

Diese Form eignet sich bestens für Kurzgeschichten, da die übrigen Personen (mit Ausnahme des Geliebten) nur als „Spiegel“ der Gedanken deiner Figur dienen oder die Konflikte sinnbildlich in ihrem Hirn austragen.

Ein äußerer Konflikt wird eingebaut

Die nächste Stufe besteht darin, dass ein echtes Hindernis auftaucht oder der Konflikt durch eine dritte Person angeheizt wird.

Hier bieten sich beispielsweise „Trennung und Wiederkehr“ an. Deine Figur muss beruflich vorübergehend ins Ausland gehen – und dort gibt es Männer, die unglaublich anziehend sind. Diese „dritte“ Person kann ihr aber auch im Inland begegnen, und si kann so faszinierend sein, dass deine Figur zweifelt, ob sie sich nicht lieber mit der anderen Person verbindet. Vielleicht ist sie jünger, älter, praktischer, klüger, sanfter oder potenter als die ursprüngliche Wahl. Jedenfalls wird sie „in Betracht gezogen“ und eventuell gar vorübergehend als Alternative angesehen. Und falls du dir so etwas zutraust: es könnte auch eine Frau sein, in die sich deine Figur verliebt.

In besonderen Fällen wird es schwieriger

Sonderfälle sind Ängste vor körperlicher Nähe, unerwiderte Liebe oder der Reiz, der vom „Flattern von Blüte zu Blüte“ ausgeht.

Ein modernes Rezept für deine Liebesgeschichte

Weil es so unendlich viele Liebesromane gibt, und ein großer Teil davon nach ähnlichen Muster verläuft, ist es etwas heikel, den vorhandenen Romanen einen weiteren hinzuzufügen. Ein gutes Rezept für Innovationen besteht darin, die sinnliche Liebesromantik mit Facetten des eigenen Erlebens zu verbinden und die Faszination des Befremdlichen darin zu integrieren. Dann hast du den Mix, der immer mehr Leserinnen anspricht.

Wie sonst auch, musst du deine Figur schöpfen und dann laufen lassen. Nicht DU bist verantwortlich für das, was ihr geschieht, sonder SIE ist verantwortlich dafür. Wähle dazu eine Figur, deren Lebensumstände du mindestens ein wenig nachvollziehen kannst. Es kann eine sehr junge Frau sein, eine Frau mittleren Alters oder eine Rentnerin – Liebesgeschichten lassen sich in jedem Alter erleben. Das einzige, was du wirklich tun musst, ist in ihre Haut zu schlüpfen. Denn die Liebe geht immer durch die Haut – auch wenn es nicht um Sex geht.

Wie steht es mit Liebe und Sex?

Wo ich gerade bei Sex bin: Ein erotischer Roman, so schreibt Elisabeth Benedict, handelt immer von „Sex und noch etwas anderem“. Auch ein Liebesroman handelt nicht nur von der Liebe, sondern ebenfalls noch von etwas anderem, wie ich schon zu Anfang schrieb. Und wenn ich spitzfindig bin, dann muss ich sogar sagen: Ein erotischer Roman handelt einerseits von Liebe, andererseits von Sex und noch von etwas völlig anderem.

Sexuelle Lust oder romantische Liebe?

Etwas, an das du denken solltet, wenn du Sex in einen Roman integrierst: Die Person, mit der deine Figur erregende sexuelle Abenteuer erlebt, muss nicht die Person sein, mit der sie eine romantische Liebe teilt. Und schon hast du einen weiteren Konfliktstoff, den du ausbauen kannst.

Soweit die Romane, die auf vielen Varianten romantischer Zweierbeziehungen plus zahlloser Eskapaden beruhen. Wenn mehr als zwei Personen beteiligt sind und sich die weitere(n) Personen nicht herauslösen, wird das Schreiben von Liebesromanen und Erotikromanen noch aufregender.

Ich habe vor (aber noch nicht geplant) für euch auch über V-Beziehungen, Dreiecke, Vierecke und Kreuzbeziehungen zu schreiben. Ich denke, wir treffen uns bald wieder zu diesen Themen.Titelbild nach einem "Groschenroman" von Florence Stonebraker.

Schreiben – Teil zwei: Reicht deine Zeit für einen Roman?

Muss es wirklich ein Roman sein?
Du bist fest entschlossen, dein Schreibtalent zu erproben? Dann brauchst du jetzt eigentlich nur ein Thema und die erste Figur, die du hineinsetzen willst.

Na schön. Aber ich hätte da aber noch einen anderen Vorschlag, den du dir anhören solltest, bevor du die erste Seite schreibst. Du solltest auch weiterlesen, wenn es mit deinen Werken nicht so recht vorangeht – es könnte erhellend für dich sein.

Ein Teil dessen, was ich dir hier schreibe, könnte zunächst entmutigend wirken – auf die „Wirkungen und unerwünschten Wirkungen“ muss ich hinweisen. Ich sage dir aber zugleich, dass ich dir zeigen will, wie du trotz mancher Hürden Erfolg haben wirst.

Die Zeit läuft ... und läuft ...

Hinter der Zeit herlaufen?
Die allererste Frage, die du dir stellen solltest, ist: „Wie viel Zeit gibst (oder nimmst) du dir täglich, um zu schreiben?“ Ich denke, eine Nebenberufs- oder Liebhaberschriftstellerin wird kaum mehr als eine Stunde täglich erübrigen können, um zu schreiben. Und die Frage ist: Wenn du täglich eine Stunde hast – wie lange wirst du brauchen, um dein Werk zu vollenden?

Eine Stunde täglich? Das ergibt also gegen 230 Stunden schriftstellerischer Arbeit im Jahr. Und nun kommt die Preisfrage: Was kannst du innerhalb dieses Jahres erschaffen?

Neulinge überschätzen sich oftmals

Die meisten engagierten Schreibanfänger glauben, Sie könnten durchaus 500 Wörter am Tag schreiben. Das klingt zunächst sehr gut, muss aber ein wenig korrigiert werden:

1. Erdacht ist noch nicht geschrieben.
2. Geschrieben ist noch nicht überarbeitet.
3. Überarbeitet ist noch nicht vollendet.
4. Vollendet ist noch nicht veröffentlicht.


Von der Autorin Maya Angelou ist bekannt, dass sie täglich neun Seiten schrieb (gegen 2.500 Wörter), aber sechs davon vernichtete. Bleiben also etwas unter 900 Wörter. Und das wird dir auch passieren: Du wirst etliche Seiten schreiben, die gekürzt oder verworfen werden müssen.

Und wenn du dich mit den Großen dieser Welt messen willst: Graham Greene oder Ernest Hemingway schrieben auch nur 500 Wörter am Tag – und die schreiben professionell.

Unser Fazit zum Roman


Rechne damit, zu Anfang zwischen 100 und 200 verwertbare Wörter am Tag zu schreiben.

Gut – und wie lange brauchst du dann für einen Roman?

Rechnen wir mal ganz einfach. Nehmen wir an, dein Roman wäre auf etwa 300 bis 400 Seiten angelegt – das streben ja viele Autoren an. Und nun unterstellen wir, du könntest am Tag durchschnittlich 200 Wörter schreiben. Das ergäbe in 230 Arbeitstagen 46.000 Wörter oder ungefähr 184 Seiten. Dann könntest du in etwas zwei Jahren deinen Roman abschließen.

In diesen zwei Jahren kann viel passieren. Deine privaten Interessen können sich wandeln – oder du erkennst auf Seite 150, dass du auf dem Holzweg bist. Ich kann dir verraten, dass es den meisten „verhinderten“ Autorinnen und Autoren so ergangen ist.

Kommen wir nun zum Positiven: Es gibt Alternativen.

Es geht auch ohne Roman
Warum willst du eigentlich einen Roman schreiben? Schreiben zu können ist eine wundervolle Fähigkeit, die du nicht in die großen, gefräßigen Mäuler von Romanen stopfen musst.

Unter den vielen Möglichkeiten, etwas „Kompakteres“ zu schreiben, ist die Kurzgeschichte erste Wahl. In Deutschland war sie nicht ganz so unbekannt, wie man manchmal lesen kann. Es gab „Kalendergeschichten“ und „Noveletten“, bevor die „Short Story“, also die Kurzgeschichte ihren Siegeszug antrat. Du wirst auch heute noch feststellen, dass die Literaturlobby Kurzgeschichten oftmals als „minderwertig“ ansieht. Das kannst du getrost unter „akademische Arroganz“ verbuchen.

Und nun können deine Augen wieder heller werden: Du solltest nicht aufgeben, sondern genüsslich schreiben. Es wäre schade um deine wundervollen Werke, wenn sie am Ende nicht das Licht der Welt erblicken würde, habe ich recht?

Bei einer Kurzgeschichte kommst du möglicherweise schon mit vier Seiten aus (gegen 1.000 Wörter) mit zwischen acht und und zehn Seiten (bis 2.500 Wörter) kannst du schon eine recht umfangreiche Handlung einbauen. Bei 50 Seiten kommst du schon in die Gegend einer Novelle (12.500 Wörter). Das Schöne: Das alles kannst du in kurzer Zeit oder jedenfalls in einem überschaubaren Zeitraum schaffen.

Wenn du nun sagst, dass du darüber ganz ander Zahlen, Daten und Fakten kennst, dann vergiss nicht, dass nicht alle Autorinnen auf Qualität achten müssen. Wenn du als „Schreibmagd“ einen Cent pro Wort bekommst, sind 100 Wörter gerade mal einen Euro wert. Da wird schon mal geschlampt, abgeschrieben oder umgeschrieben, und manche Texte werden wie Kaugummi in die Länge gezogen.

Bild (Kaninchen, rechts) von John Tenniel. Bild unten unbekannt, Künstlerplakat. Präzise Informationen zu den Fakten:
Writers Write (englisch) und The Thriller Guy (ebenfalls englisch)

Was ist denn eigentlich „Schreiben“?

Was ist eigentlich "Schreiben"?
Was ist denn eigentlich „Schreiben“? Ach, das wisst ihr schon lange? Ich bezweifle es. Und ihr seid in jedem Fall schlauer, wenn ihr bis zum Ende lest.

Die Beziehungen zwischen Schreiben und Denken sind vielfältig und wechselseitig. Um das Verhältnis zwischen beiden zu verstehen, muss man verschieden Funktionen des Schreibens und die Art der dabei involvierten kognitiven Prozesse betrachten.


Sylvie Molitor-Lübbert

Wem das Wissenschaftsdeutsch zu kompliziert ist, der kann es auch so ausrücken:

Zwischen Schreiben und Denken besteht eine Wechselbeziehung. Um dieses Verhältnis zu verstehen, muss man wissen, was dabei zwischen Feder und Gehirn abläuft.

Warum fangen wir so an? Weil das angebliche „Wissen“ über das Schreiben total veraltet ist. Die Literaturpäpste haben – ebenso wie die Deutschlehrer – eine eigene, im Grunde nicht mehr tragfähige Einstellung zu Wort und Schrift. Sie beruht auf Traditionen, in denen der Wandlungsprozess vom Denken ins Schreiben ein Mysterium ist. Und viele Jahre, nachdem Norbert Wiener, Paul Watzlawick und viele andere erklärt haben, wie Regelkreise, dynamische Prozesse und Kommunikation vor sich gehen, haben sie davon weder etwas gehört noch haben sie es verstanden.

Was letztlich bedeutet: Schreiben bedeutet nicht, sich etwas zu erdenken, um es dann niederzuschreiben. In Wahrheit bedeutete es, mit dem Geschriebenen zu kommunizieren. Ich erklär es einmal für alle, die sich davon ein Bild machen wollen:

Schreiben bedeutet mehr als Wörter aneinanderzureihen

Unsere Gedanken bestehen aus einem Gemisch aus analoger Sprache und digitaler Sprache. Ist nicht so kompliziert, wie es scheint. Denn es bedeutet nur, dass ein gewaltiger Teil in unvollkommenen, bildhaften Vorstellungen im Gehirn steht, während nur ein kleiner Teil bereits „in Worte gefasst“ ist. Wenn wir schreiben, müssen wir aber oft auch den „bildhaften Teil“ in Zeichen setzen, sehr schwer fällt uns dies vor allem, wenn wir über Gefühle schreiben wollen. Auch im besten Fall sind die ausgeschriebenen Gefühle nicht wirklich authentisch. Nun lesen wir also, was wir geschrieben haben, und denken: Oh, das ist eigentlich nicht genau das, was ich ausdrücken wollte. Heißt: Erst beim Wiederlesen erkennen wir, was wir tatsächlich geschrieben haben – und das würde zu einem Prozess ohne Ende führen, wenn wir nicht irgendwann sagen würden: „Ja, nun stimmt alles für mich.“

Lass deine Figuren von der Leine

Aus ähnlichen Gründen empfehlen viele moderne Schreibtrainer, die Figuren „von der Leine zu lassen“, sodass sie „selbstständig handeln“ können. Auf den ersten Blick wird euch das vielleicht ein wenig entsetzen, denn „wie kann eine Figur, die ich erschaffen habe, selbstständig werden?“

Wir lesen zunächst einmal bei Christine Pepersack:

Wir unterscheiden bei der Figurenkonzeption zwischen solchen Charakteren, die aktiv handeln und entscheiden, und solchen, die durch äußere Ereignisse bestimmt werden und Entscheidungen vermeiden. Unsere Figuren sind dafür verantwortlich, dass die Handlung vorangeht, kurzum: Sie sorgen dafür, dass etwas passiert.


Ist damit schon die Frage beantwortet, warum sie überhaupt selbstständig handeln können, also, ohne dass sie von uns geführt werden?

Selbstverständlich, denn unsere aktiven Figuren müssen ständig handeln. Und sobald es um eine neue Handlung geht, vielleicht um eine Entscheidung, macht sich deine Figur selbstständig und entscheidet anders, als du es im Leben tätest. Sie zeigt dir den Weg, den sie gehen muss, will du ihn ja nicht gehen wolltest. Das liegt daran, dass jede Figur ein Teil von dir ist (du hast sie ja erschaffen), aber auch ein Teil der Welt, in die du sie hineinsetzt. Der britische Psychiater Roland D. Laing hat sehr viel zu diesem Thema gesagt, und leider ist es schwer zu verstehen – aber er sagt letztendlich, dass in deinem Kopf außer dem, was du denkst, auch noch das rotiert, was andere denken.

Sind wie alle Meschugge, weil wir schreiben?

Oh Schreck – da kommen wir in den Bereich, dessen, was Psychiater „Bipolare Störungen“ nennen. Das solle eigentlich eine Krankheit sein, aber es ist eben auch ein Zustand, in dem viele Schriftsteller leben. Wer Welten erschafft, wer Figuren in seinem Hirn tanzen lässt, die es gar nicht gibt – der hat in der Denkweise der Lieschen Müllers eben nicht „alle Tassen im Schrank“.

Und du? Du schreibst einfach, siehst dann deinen Figuren nach und folgst ihren Spuren … mal kreidebleich und mal errötend, mal lächelnd und mal besorgt.

Umschreiben: guten Dingsbums ihrer Beine Sichtung.

Krampfhafte Suche nach Alternativen: Text-Spinner oder automatische Umschreibprogramme sind Quellen unfreiwilligen Humors. Dies passierte, als ich einen einfachen Text aus „Gynäkokratie“ eingab:

Ihr volles, schwarzes Haar hatte sich gelockert, und die herabhängenden dichten Strähnen hoben sich wunderbar von der weißen Haut ab. Mademoiselle lag verführerisch auf dem breiten Schlafsofa und ließ einen guten Teil ihrer Beine sehen.


„Und“ schien den Text-Spinnern zu popelig zu sein, und sie versuchten krampfhaft, es mit „obendrein“ oder „überdies“ umzusetzen. Das Wort „Strähnen“ kannten die beiden Online-Proramme, dich ich testete, gar nicht. Sie versuchten, das „St“ als „Sankt“ zu interpretieren. Das Wort „sich“ wurde fälschlich in „einander“ umgewandelt, „weiß“ einmal in „bleich“ und die Haut in demselben Programm in eine „Pelle“. Auch „wunderbar“ war den beiden Programmen zu simpel, und so wurde daraus einmal „feenhaft“ und einmal „legendenhaft““. Warum die Programme das Wort „auf“ nicht stehen lassen konnten, sondern es mal mit „gen“ und mal mit „hinaus“ übersetzten, war mir schleierhaft. Das Ende ist der Clou. Aus „und ließ einen guten Teil ihrer Beine sehen.“ Wurden Diese beiden Sätze:

Überdies ließ zusammenführen guten Dingsbums ihrer beine Sichtung.

Oder:

Obendrein ließ kombinieren guten Dingens ihrer Beine Sichtung.

Fragt sich, wer damit arbeiten will oder kann, zumal einige Versionen solcher Programme als "professionelle Schreibtools" angeboten werden.

Eine echte Umschreibung solcher Texte würde sich beispielsweise so lesen:

Mademoiselle hatte ihr Haar gelockert, und nun, da die Strähnen herunterhingen, wurde der sinnliche Kontrast zwischen dem rabenschwarzen Haar und der hellen Haut anregend hervorgehoben. So lag sie nun verführerisch auf dem breiten Schlafsofa und zeigte einen großen Teil ihrer entblößten Beine.


Oder etwas freier interpretiert:

Das lockere Haar, hing in pechschwarzen Strähnen herunter und bildete einen sinnlichen Kontrast zu ihrer milchigweißen Haut. Dazu kam noch die ungewöhnlich entspannte, offene Haltung – alles an Mademoiselle wirkte verführerisch. Sie hätte die Beine gar nicht so weit entblößen müssen, um mich völlig zu verwirren.


Isidora war so freundlich, die manuellen Umschreibungen hinzuzufügen.