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Das Selbst in der Quarantäne

Das Selbst wurde all seiner Dienste enthoben, es sei denn, sich im Spiegel zu betrachten.

Dieses Selbst, zu dem wir immer gut sein wollten, das wir beobachtet haben und dessen Veränderungen wir sorgsam registrierten.

Und nun? Wir haben dem Selbst eine Auszeit verordnet. Nicht willig, auch nicht ganz freiwillig, aber auch nicht restlos widerwillig. Jetzt also liegt das Selbst auf der Couch herum und langweilt sich. Es ist nicht mehr in der Lage, Lust zu suchen - jene Lust, die man riechen und schmecken und fühlen kann. Es ist voll von der Sucht danach, endlich wieder mit seiner Droge vollgepumpt zu werden - es ist, ohne jeden Zweifel, dopaminsüchtig. Man hat mich gelehrt, mein „Selbst“ hübsch zu pflegen und es gar nicht erst rauszulassen aus meiner Persönlichkeit, und jetzt liegt es da, wie ein struppiger Köter.

Ich erinnere mich an die süßen Worte: Komm zu Sinnen! Umarme dein Selbst! Entdecke das Hier und Jetzt!

Wenn ich das täte, wäre mein Leben schwer, sinn- und ziellos. Also habe ich mein Selbst vorübergehend ersetzt. Das, was da auf dem Sofa liegt, mag das Original sein, aber ich habe einige Kopien aufbewahrt. Und sie können etwas, das andere längst nicht mehr können: Mit einem leeren Blatt Papier kommunizieren. Oder einem leeren Bildschirm.

Dieses Selbst muss auch nicht schmachten oder darben: Es erfindet gute und böse Welten und es kann Schrecken und Freude verbreiten.

Eine Kollegin von mir sagte, nun können man ohne Skrupel Sachen schreiben, die einfach nur geil wären - und man könnte auf den ganzen Quatsch von der sozialen Sensibilität verzichten.

Oh ja, schön ... ich hoffe, sie schafft es. Und ihr auch.

Schmerzlust statt "strenge Erziehung"?

Das Thema ist aufgebraucht -. aber nicht ganz
Ist Schmerzlust noch ein Thema? Sind Themen, in denen Körperstrafen vorkommen, überhaupt noch populär?

Ja und nein.

Ja, weil sie durch die „Shades of Grey“ vor einigen Jahren eine Renaissance erlebten, und nein, will die „alten Formate“ solche Geschichten heute reichlich „abgeblüht“ sind.

Das Schema "alter weißer Mann" schlägt "naive junge Frau" ist obsolet

Ein Format, das im Vereinigten Königreich äußerst populär war und mit dem sich enorme Umsätze erzielen ließen, waren junge Frauen, von denen der größte Teil zu Anfang der Geschichte Schul- oder Dienstmädchenuniformen oder ähnliche Formalkleidung trugen. Sie wurden dann zum Vorgesetzten oder Direktor gebeten, um dort meist entblößt und dann mit einem Rohrstock gezüchtigt zu werden. Es ist erstaunlich, dass dieser einfache Plot so viele Jahre überlebt hat.

Die Konstellation „abhängige junge Frau“ und „perverser alter Chef“, der angeblich nur Gutes im Sinn hat, gilt heute als Altenherrenfantasie und sozial völlig inkorrekt, auch als reine Fiktion.

Wie denken die Menschen heute darüber?

Die Lust am Schmerz hat sich, ebenso wie die Lust an der Unterwerfung, in der Fantasie verfestigt, auch dann, wenn sie nie praktiziert wurde. Mit ihr kokettieren zwischen zwischen zwei Dritteln und ein Drittel der Bevölkerung – je nachdem, wie die Konstellation aussieht, unter der dominiert wird.

Worüber können heutige Autorinnen noch schreiben?

Wenn sie überhaupt Handschläge Rutenschläge, Rohstockhiebe oder gar Peitschenhiebe erwähnen, dann stets so, dass sie die Lust an Unterwerfungen, Fesselungen und Schlägen in den Vordergrund stellen. Manche der Bestraften erleben durch die Strafe Orgasmen oder Ejakulationen, andere masturbieren als Folge des aufgeheizten Körpers.

Was sich aber vor allem geändert hat, ist das Rollenverhalten:

1. Gestraft werden ausschließlich Menschen im Erwachsenenalter.
2. Die zu Strafenden werden nicht mehr genötigt, sondern ergeben sich aus anderen Gründen „in ihr Schicksal“ – oftmals, weil sie die Züchtigung sexuell erregt.
3. Sie Strafenden sind zumeist Frauen, die sowohl andere Frauen wie auch Männer bestrafen.
4. Die Züchtigung wird nicht mehr angedroht, sondern der/die zu züchtigende verlockt den Züchtigenden zur Bestrafung.
5. Oftmals ist von vornherein klar, dass es sich um ein Rollenspiel handelt.

All dies erlaubt den Autorinnen und Autoren, völlig neue, ungewöhnliche Plots zu entwickeln. Beispielsweise kann man als Autor(in) heute auf die mühselige psychologische Begründung verzichten, die noch vor wenigen Jahren (und auch noch bei den SoG) als „Rechtfertigung“ eingebaut wurde. Schmerzlust wird dann als eigenständiges Lust-Element der Erwachsenen-Sexualität erlebt und nicht mehr als Folge von Jugenderinnerungen.

Die neue Ausrichtung hat durchaus emanzipatorische Züge: Jedem der Beteiligten wird die Eigenverantwortung für Lust und Leid zugewiesen, und was daraus entsteht, entscheidet jeder für sich selbst.

Körperflüssigkeiten

Kommen wir in erotischen Schilderungen aus, ohne auf Körperflüssigkeiten einzugehen? Wollen wir, dass Spermafontänen sich zur Zimmerdecke erheben, um dann sanft auf Laken niederzuregen? Ist eklig oder wildromantisch, das Ejakulat auf Brüsten oder Lippen zu spüren? Drücken wir uns bei Frauen richtig aus, wenn wir von „Feuchtigkeit“ oder „Flüssigkeiten“ sprechen? Und was ist, wenn das Ejakulat in einem kleinen Plastikbeutel, Kondom genannt, verbleibt? Ist dann die Lust am Spermaduft flöten?

Eine Autorin sagte neulich, sie können sich vorstellen, supererotische Szenen zu schreiben, ohne auch nur die dabei produzierten Körperflüssigkeiten zu erwähnen. Im Grunde sei dies nur nötig, wenn die Sichtbarkeit zur Choreografie der Szene gehöre, was bei „normalen“ Paarungen und „ganz gewöhnlichem Sex“ so gut wie nie der Fall sei.

Insoweit ergibt sich auch wieder die Frage: Muss ich alles, was ich schreibe, auch wirklich erlebt haben? Um beispielsweise eine Fontäne zu erzeugen, muss deine Figur den Mann mit der Hand befriedigen. Und eben dieser Mann muss ebenso viel Freude daran haben wie die Frau die ihm die Fontäne entlockt.

„Ganz gewöhnlicher Sex“ ist heute meist nicht mehr so „ganz gewöhnlich“. Frauen kennen recht häufig den Geschmack der Spermaflüssigkeit, und wenn nicht dies, dann wenigstens den Duft auf warmer Haut. Männer wissen oft recht gut, wie „die Lust der Frauen“ schmeckt, und genießen ebenso den Duft der frischen, lustvollen Feuchtigkeit, die sie bei der Liebe absondern. Insofern sind auch die Figuren in heutigen erotischen Romanen damit vertraut – selbst wenn die Autorin selbst eher keine Erfahrung damit hat.

Dazu nur ein paar Sätze: Das Gefühl, von Spermaflüssigkeit besudelt zu werden, muss „man“ oder „frau“ im Roman mögen – zumindest, wenn deine Figur die Szene genießen soll. Dazu gehört die Stimmung, in der die geschieht, vor allem dann, wenn sich der Muschi-Duft mit dem Spermaduft und anderen Gerüchen, zum Beispiel von Kerzen oder Parfüm, vermischt.
Insofern ist es nicht falsch, ganze Stimmungsbilder zu erzeugen, die sich aus dem frivolen Spiel ergeben.

Zwiespältige Gefühle einer Erotik-Schriftstellerin

Nicht nur Leserinnen von Erotika haben zwiespältige Gefühle. Auch die Autorinnen beschleicht bisweilen das Gefühl, dass zwischen Begierden und Realitäten eine mentale Schranke liegt. Zwar will die Fantasie sich heftig Raum schaffen, doch andererseits kommt die Realität dazwischen und sagt: „Hey, du willst das nicht wirklich, oder?

Hier ein kurzer Text, der uns übermittelt wurde (ich haben den Text anonymisiert).

Wenn mich etwas erregen soll, darf es nicht so bildlich sein, wie in der Pornografie. Ich liebe es, wenn Männer danach gieren, meine Heldin vögeln wollen. Dadurch wird sie extrem begehrenswert – und wer will nicht wirklich begehrenswert sein? Ich werde niemals von der Handlung selbst erregt, wenn ich schreibe, aber mich erregt das, was sich in der Handlung ausdrückt. Meine Heldin soll sich stark fühlen, weil sie begehrt wird, auch wenn sie an einer Orgie teilnimmt und du vielleicht denkst, sie würde gedemütigt. Nein, ich mag das Bild nicht, das eine Orgie in mir auslöst, aber ich liebe das Gefühl, wenn die Männer meine Heldin begehren.

Wie geht es euch? Kämpft ihr auch mit der „inneren Schranke“, wenn ihre eure Fantasien befeuert und die Realität eigentlich dagegen spräche, die Szene jemals zu erproben?

Drei Arten von Erotik-Schreiber(innen)

Es gibt sicher mehr als diese drei Arten von Erotik-Autoren (und Autorinnen) aber ich will sie einfach mal katalogisieren:

1. Die echten Literaten, die unter Pseudonym schreiben
Sie können wirklich Literatur schreiben, und das zeigen sie uns auch. Ihre Geschichten sind interessant, ihre Details lebensnah, und die ausgesprochen anregenden Details sind mindestens in Fragmente einer Geschichten eingebettet. Es gibt zahllose Beispiele dafür – die „Geschichte der O“ ist dabei ausgesprochen spektakulär, weil die Autorenschaft über Jahrzehnte unbekannt blieb. Üblicherweise erkennt man eine literarisch vorgebildete Autorin daran, ungewöhnliche Dialoge zu schreiben und die Leserin „ins Geschehen hineinzuziehen“.

2. Die kundigen Vielschreiber, die „geile“ Texte verfassen
Diese Leute können schreiben, weil sie Journalisten sind oder waren und sie schreiben mindestens nur das, was sie aufgrund ihrer Erfahrung selber für denkbar halten – mit einem geilen Sahnehäubchen oben drauf. Meist gelingt es Ihnen deshalb, die Realität durch die Schilderung überschwängliche Lust zu übertreffen – das macht ihre Texte so „lüstern“. Manche schreiben „am Fließband“, und das merkt man ihren Texten auch an.

3. Die „Dahinschreiber“ mit engem Horizont
Sie schreiben, weil sie eine sexuelle Praxis besonders lieben oder ständig dieselbe Fantasie in neuem Kleid vermarkten. Dabei nutzen sie eine Fähigkeiten, die sie seit der neunten Schulklasse besitzen: Die Technik des Aufsatzschreiben. Das Paar ist da und da, sie tun dann dies und das, und am Ende wird mit einem der üblichen Larifari-Sätze abgeschlossen. Allerdings muss „dies und das“ unbedingt vor Aktivitäten überlaufen, genau so, wie es einen beständigen Fluss von Vaginalsekreten und Sperma geben muss.

Selbstverständlich gibt es Zwischenstufen – und wenn man differenzieren will, auch noch mehr Kategorien.

Sage uns bitte , was du darüber denkst.