Skip to content
Werbung  

Literarisch „jemandem einen Blasen?“

Geben oder nicht geben ... das ist die Frage
So mancher Autor ganz gewöhnlicher Entwicklungsromane wünscht sich, dass vor dem „unaussprechlichen Sex“ das Licht erlischt und es erst wieder aufflackert, wenn der Akt vollzogen ist. „Sex“ in all seinen Variationen ist nicht unbedingt der Gegenstand der Literatur - und die Autoren neigen eben dazu, sie nur mit der Kohlenzange anzufassen.

Ich konnte gerade eine Darstellung lesen, die „Fellatio und Julia“ überschrieben war. Bevor ich beginne, dies zu kritisieren: Dem Autor sei Dank, denn er verlässt mit seinem Artikel die ausgetretenen Pfade, Und dennoch bleibt er seltsam unverbindlich, zum Beispiel in dieser Behauptung:

Eine gut gelungene Fellatioszene sollte schlicht sein. Es ist weder erstrebenswert noch notwendig, für jedes Gefühl eine eigene Metapher zu suchen oder unendlich tief in die Gedankenwelt des Protagonisten einzutauchen. ... Ein literarischer Blowjob sollte sich der Suggestion und der psychologischen Leere bedienen, die nur im Kontext seiner sozialen Beziehungen deutlich werden.

Ich kann verstehen, dass solche Szenen „schlicht gehalten“ werden sollen. Wer so schreibt, bei dem sieht man nicht genau hin, hört man nicht genau hin und erspürt auch nicht die Wollust, die den Protagonisten antreibt.

Wenn die Literatur sich am Fleischlichen vorbeimogelt

Mag sein, dass alle Szenen der Wollust aus einer psychologischen Leere erwachsen. Doch was nützt die Suggestion, wenn sich deine Leserinnen oder Leser nicht vorstellen können, wie es ist, das Zielobjekt anzupeilen? Es ist doch wahrlich kein „Gegenstand“, der da den Geschmacksnerven ausgesetzt wird und der nun auf seine Liebkosung wartet. Vielmehr ist der Penis Teil eines Menschen, dazu ein höchst empfindlicher Körperteil, der letztlich nur darstellt, was im Gehirn vorgeht. Und es ist ein Akt der Rückkoppelung, der da zwischen zwei Organismen geschieht - umso erregender, je mehr die Geberin dies weiß und darauf eingeht.

Schwankt diejenige, die gibt, nicht zwischen Ekel und Lust? Empfindet sie das gleiche, wenn sie einen frisch geduschten Jüngling beglückt oder einen älteren reisenden Kaufmann „frisch aus dem Reißverschluss“ heraus bedient? Woher bezog sie ihr Wissen und Können, falls sie Fellatio als eine Aufgabe ansieht? Was denkt sie jetzt, während sie die Lippen spitzt? Denn wenn ein Autor schon Fellatio schildert, wird er kein Ehepaar beschreiben, dass diese Lust schon 300 Mal praktiziert hat. Vielmehr wird er (oder sie) damit einen Höhepunkt setzen wollen, der - wenn er denn gelingt - zu einer neuen Sicht auf das Dasein als sexuelles Wesen führt.

Sozialer Kontext?

Wort wie der „Kontext sozialer Beziehungen“ prallen an mir ab. Alle sozialen Beziehungen basieren auf Kommunikation, ja, in Wahrheit entstehen sie erst durch Kommunikation. Klar kann im „Kontext“ auch ein Blowjob vorkommen, und auch dieser ist im weitesten Sinnen Kommunikation. Aber ein „literarischer Blowjob“ steht nicht für sich selbst - und ihm kristallisiert sich nicht die Beziehung.

Ernst nehmen - oder zu ernst?

„Die Literatur“ (genau genommen eigentlich „Die Literaturkritik“) neigt dazu, sich schrecklich ernst zu nehmen. Wenn ich richtig gelesen habe, dann ist der Blowjob sozusagen der Gegenentwurf zum Modell des Patriarchats. Der Mann (und damit der Autor) soll urplötzlich „fühlen, beobachten und aufmerksam sein“. Und das - so erfahre ich - schaffen unsere Autoren nicht.

Seht ihr, und an dieser Stelle frage ich mich: Was tun Autoren eigentlich, die „nichts fühlen, nichts beobachten und unaufmerksam sind?“

Vielleicht ist es doch nur die Scham der „großen Literatur“ davor, die Sexualität in Worten zu vertiefen.

Zwei Nachsätze zu alldem: An einigen Stellen hätte ich auch „er“ sagen können statt „sie“. Männer empfangen nicht nur Fellatio, sie geben dergleichen auch. Und die Erwartungen eines Mannes an sich selbst, an andere Männer und an Frauen ändern sich derzeit rapide.

Zitat: Vice

Die erotische Standard-Geschichte ... von Anfang an

Die erotische Geschichte - simpel
Noch keinen Anfang für deine erotische Geschichte in mehreren Kapitel gefunden? Dann versuche es einmal damit ... Es ist die erotische Standard-Geschichte ... von Anfang an. Aus ihr kannst du eine sanfte, sinnliche Liebesgeschichte entwickeln oder eine heftige, harte SM-Story.

Sie trifft ihn ...

Das Standardmodell heißt: „Sie trifft ihn“. Je weniger pornografische ein Werk angelegt ist, umso mehr gilt diese Voraussetzung, also nicht „er trifft sie“.

... ohne etwas Sinnliches zu planen

Sie kann eine andere Absicht haben, nämlich (...) wenn sie ihn trifft oder auch gar keine., weil sie nur (...). Du könntest beschreiben, was sie ursprünglich plante, nämlich (...). Gut wäre, wenn deine Leserschaft wüsste, in welcher Lage (....) sie sich emotional befindet, bevor „sie ihn trifft“.

Er ist nicht so, wie sie dachte

Sie dachte, er wäre (...) oder er müsse so sein, weil (...). Er ist aber anders, nämlich (...). Sie ist überrascht und denkt (...).

Er tut nicht, was sie erwartet

Sie erwartete, dass er (...) tun würde oder sagen würde. Er reagiert aber anders, nämlich (...). Während sie mit ihm über ihr Anliegen spricht (oder sich mit per Small Talk“ unterhält), entwickelt sie andere Gefühle und Regungen, nämlich (....).

Der Wandel

Sie versucht, ihre Gefühle einzuordnen oder zu beherrschen. Doch ihr ist anzusehen, dass (...). Sie erwartet von ihm, einen Schritt auf sie zuzugehen, zum Beispiel (...). Aber der Wandel scheitert. Hält er sie für (...) oder für (...)? Warum schlägt er nicht einfach vor (...)?

Der Übergang zum nächsten Kapitel

Ihr ursprüngliches Anliegen wird beachtet, aber sie glaubt dennoch, erfolglos zu sein. Sie sendet (...) Signale an ihn, zum zu zeigen, dass sie an ihm interessiert ist. Als sie zur Tür hinausgeht, sagt er: „Einen Moment noch“ und dann noch etwas, nämlich (...).

Verwirrung - der Beginn des nächsten Kapitels

Sie ist völlig verwirrt. Er ist nicht so, wie sie zu Anfang dachte. Aber auch nicht so, wie sie ihn „gerne hätte“. Er ist so „anders“. In ihren Gedanken kreist der Satz, den er zum Abschied sagte: „(...)“.

Schreib einfach diese Geschichte - auch wenn sie schon viele vor dir geschrieben haben.Sie wird immer wieder gerne gelesen.

Schreibst du „kinky“?

Nicht das Gewöhnliche ...
Dann weißt du, was „kinky“ ist. Wenn nicht, dann schau doch einfach mal bei der Liebeszeitung vorbei.

Am interessantesten für die Liebhaber des „Besonderen“ sind erotische Geschichten, die sanft und romantisch beginnen. Doch das „Vanillearoma“ dient nur dazu, den Mann (oder die Frau) ein zweites Mal anzulocken - und dann wird mit heißer Chilisoße gekocht. Die Partnerin (oder der Partner) ist zunächst verblüfft und etwas befremdet, erinnert sich aber an die erste Begegnung und lässt ich aus Neugierde drauf ein ...

Diese Geschichte wurde sicher schon ein Dutzend Mal erzählt. Aber nicht von dir. Und noch nicht mit den Gewürzen, die in du in deinem geheimen Schränkchen aufbewahrst.

Die erotischen Fantasien

Die schnöde Realität und die erregende Fantasie
Nur sehr wenige erotische Romane basieren auf Tatsachen oder lehnen sich an Tatsachen an - die meisten sind reine Produkte der Fantasie. Sie spielen damit, dem Leser etwas nahezubringen, wonach er in der innersten Seele giert, während ein anderer Teil von ihm sich davor fürchtet.

Einer gestandenen Autorin muss ich nicht sagen, worum es dabei geht: Um
Fantasien, die eine Mutter auf keinen Fall der Tochter beichtet oder umgekehrt. Doch um welche Fantasien handelt es sich hauptsächlich?

Das hat die Liebeszeitung genau ermittelt. Dabei hat man den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ gewählt:

- Alle Arten von Sex in Verbindung mit Romantik.
- Ebenso, jedoch in Verbindung mit Abenteuer oder Gefahr.
- Oral und/oder Handverkehr.
- Gruppenaktivitäten (vom Dreier bis zur Orgie).
- Domination, Submission, Fesselungen und Züchtigungen.
- Jemandem beim Sex zuzusehen (Voyeurismus).
- Fetische verschiedener Art, echte und pseudo.
- Gleichgeschlechtliche Aktivitäten unter Heterosexuellen.

Bei dieser Aufstellung scheint es so zunächst so, als würden „harmlose“ Aktivitäten mit „schmutzigen“ Praktiken vermischt. Aber das ist nicht so - alle diese Handlungen sind Gegenstand von Tagträumen und Masturbationsfantasien, die von den Befragten einer groß angelegten Studie genau so beantwortet wurden.

Es mangelt an realer Erregung - die Fantasie hilft weiter

Sehen wir genau hin: Wir erkennen dann sofort, dass die Fantasien zunächst aus einem Mangel an realen Erlebnissen entstehen. Die Befragten wünschen sich ganz offensichtlich, ekstatischen Sex und heftige Orgasmen in einem romantischen Liebesumfeld zu haben. Sie vermissen auch die Spannung, die ein sexuell-romantisches, vielleicht gefährliches Abenteuer ihnen bieten könnte. Aber sobald wir dies ausgesprochen haben, kommen wir bereits an die Hürden, die in der Realität vor solchen Gelüsten stehen. Tatsache ist: Wenn sich Begierden mit Ängsten beißen, dann entsteht die Mischung aus Spannung und sexuellem Erschauern, die viele Leser lieben.

Mehr als Fantasien - oder: die Realität ist aller Laster Anfang

Das heißt nicht, dass erotisch Romane „nichts als Fantasien“ beinhalten würden. Bevor die Lüste überkochen, beginnt alles „wie im richtigen Leben“. Es sind die Orte, die deinen Leserinnen und Lesern irgendwie bekannt vorkommen. Ebenso verhält es sich mit den ersten Begegnungen: Ja, all dies hätte auch den Leserinnen passieren können.

Doch dann geschieht etwas mit deiner Figur, was nicht üblich ist. Ob jemand „mit der Tür ins Haus fällt“ und deshalb verblüfft, oder ob die „Salamitaktik“ zum Einsatz kommt, ob es sich um eine traditionelle Verführung handelt oder um eine Intrige - das legst du fest. Doch was macht deine Figur?

Wenn sich jemand einlässt ...

Sie muss sich plötzlich entscheiden - „lasse ich mich auf die Sache ein oder nicht?“ Und wenn nicht sofort, wann wird sie sich einlassen? Welche Skrupel wird sie haben, oder welche Gewissensbisse rauben ihr den Schlaf? Wird sie durch ihre Handlungen erpressbar? Gerät sie gar immer tiefer in Verstrickungen?

Der erotische Roman ist auf keinen Fall "nur" erotisch

Erotische Fantasien haben also durchaus das Potenzial für aufschlussreiche, spannende und erregende Romane. Wenn du eine Figur mit dem „ganz gewöhnlichen Leben“ ausstattest, das auch deine Leserin führen könnte, und sie von dort aus auf ein unbekanntes Gelände führst - dann wird sie mit dir gehen. Sie hat schon oft dran gedacht, was sie tun könnte, wenn sie sich trauen würde, glaub mir. Keine Angst - sie wird sich niemals trauen, die engen Grenzen zu überschreiten, in denen sie lebt. Abers sie wird immer wieder begierig lesen, wie aufregend das Leben deiner Figur ist.

Bei Queer ist nicht viel los - deine Chance?

Er liebt sie, er liebt ihn, sie liebt sie ... warum eigentlich nicht?
Du suchst deine Chance, etwas zu schrieben, das noch nicht dutzendfach durch den Wolf der erotischen Literatur gedreht wurde?

Es könnte von einer Figur handeln, die entweder total „Queer“ ist oder jedenfalls nicht homonormativ handelt. Bei der ersten Gruppe handelt es sich um eine Szenerie, die Wert darauf legt, anders zu sein, eben „Queer“.

Es wird dir ziemlich schwerfallen, in diese Szene einzutauchen, falls du nicht schon drin bist - und wenn du nur Larifari darüber schreibst, bekommst du Ärger mit der Szene - trotzdem könntest du Erfolg haben. Dann würde es dir gehen wie der Autorin der „Shades of Grey“. Die hatte auch Ärger mit einer Szene (BDSM) aber die niedliche Cinderella-Geschichte mit dem bösen „Aua!“ begeisterte eben viele Frauen in „mittleren Jahren“.

Gut, ich hab‘ dich gewarnt.

Außerhalb der Norm ist auch "Queer"

Besser ist, eine Figur zu schaffen, die ein bisschen zu „schräg“ ist, um „straight“ zu sein, aber nicht so gepolt, dass sie sich einer Szene anschließen würde. Sie (oder er) ist eben „sexuell“im schönsten Sinn, aber auch mit allen Zweifeln und Anfeindungen, die jemand erlebt, der in kein Schema passt. Werre meint, dabei ginge es ausschließlich um Sexualität, ist auf dem Holzweg. Es geht darum, wie du dir ein Leben einrichtest, wenn du nicht denkst, fühlst und handelst wie die blubberende Masse an Stammtischen.

Klar kann deine Figur heteroflexibel, bi-amourös, bisexuell oder sonst etwas „sein“, was als Etikett gilt. Besser aber, wenn er oder sie einfach „ist“. Wenn etwas passiert, wenn Körper begeistern und Funken kreuz und quer springen.

Meist du, dass du es kannst? Es könnte eine Chance sein. Ein Risiko mag es auch sein, aber in jedem Fall wäre es eine Herausforderung.

Hier eher literarisch, hier aus der Sicht der „Queer-Bewegung“.

Bild: Künstlerdarstellung "Ein Mann innerhalb einer Triole" - Eigentum von liebesverlag.de