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Manifest

Warum ich mit diesem Blog versagt habe

Die Langeweile - aufgegeilt

Ich habe die Szene der Erotik-Autorinnen (und vereinzelter Autoren) leider völlig falsch eingeschätzt. Ich denke sehr in den Kategorien von Elizabeth Benedict, und das heißt: Gute Erotik zu schreiben bedeutet, wenigstens die Bedürfnisse und Impulse der Person zu berücksichtigen. Und möglichst viel über die Emotionen der Figuren zu erfahren: vorher, währenddessen und hinterher.

Kaum einer der Autorinnen (und und auch Autoren) von E-Books oder Internet-Geschichten berücksichtigt diese einfachen Regeln. Stattdessen hat sich eingebürgert, Aktionen zu beschreiben - weitgehend sinnfrei, aber mit einem deutlichen Etikett versehen.

Nein, diese Erkenntnis ist nicht ausschließlich auf meinem Mist gewachsen. Ich zitiere eine Autorin:

Wenn du mir das Etikett nennst, kann ich dir vorhersagen, was du in der Geschichte finden wirst …

Keine Überraschungen mehr? Alle Möglichkeiten der schriftstellerischen Kunst für den Müll? Suchen die Menschen nur noch nach „Etiketten“ und „Keywords?“

Offenbar ja, denn es kommt noch viel schlimmer:

Erotik ist berechenbar, fest in Themen unterteilt und kaum mehr unterscheidbar. Die heutige Instant-Kultur markiert Online-Geschichten mit Phrasen wie „10 Minuten Lesezeit“ sowie den unvermeidlichen Schlüsselwörtern. Erotik ist heute etwas zum Konsumieren, wie Klatsch oder Popcorn. Und Orgasmen sind absolut erforderlich. Eine Geschichte, in der die Charaktere einige sexuelle Interaktionen haben, aber keinen Höhepunkt erreichen, verstößt gegen die Anforderungen der heutigen Leserschaft.

Wer trägt die Verantwortung für die erotische Verwahrlosung?

Was ist los mit den Leserinnen und Lesern? Was mit den Autorinnen und Autoren? Ist Erotik durch die Leser(innen) in Verruf gekommen oder durch die Autoren/Autorinnen? Wollen alle nur noch „aufgeilen“ oder „aufgegeilt werden“?

Um erneut die Frau zu zitieren, von der auch schon die ersten Zitate stammten: Sie bedauert die Entwicklung und schreibt:

Es scheint, dass thematische Komplexität, erzählerische Raffinesse und sexuelle Kreativität aus der Mode gekommen sind. Ich trauere um ihren Verlust. Ich vermisse die Geschichten, die mich dazu inspiriert haben, meine eigenen zu erzählen, voller Sehnsucht, triefend vor Verlangen.

Muss Erotik so lustlos sein?

So gesehen, ist es völlig überflüssig, Qualität einzufordern. Aufgeilen von null auf hundert in drei bis acht Minuten reicht völlig aus. So, wie bei den Menschen, die in bekannten Romanen nur die Textstellen lesen, in denen es „zur Sache geht“.

Und so gesehen, habe ich hier mit recht versagt. Märchenhafte Geilheit für Erwachsene erfordert weder Erzähltalent noch Einfühlungsvermögen. Warum zum Beispiel, soll sich die Autorin der Wirkung eines Rohrstockhiebs bewusst sein? Sie kann doch einfach schreiben, dass er „schmerzhaft auf dem nackten Gesäß“ auftraf. Wem das zu „hart“ ist, der mag sich eine beliebige Schilderung von Fellatio ansehen. Meist geht es so: Erst öffnet sie den Reißverschluss, dann floppt ihr der Penis entgegen, das „bläst sie ihm einen“.

Ich war lange Zeit im Zweifel, ob es richtig war, dieses Magazin aufrechtzuerhalten. Dann zweifelte ich daran, ob ich einfach „abschalten“ sollte. Doch heute gehe ich, um zu sagen: Es ist richtig, dieses Magazin zu schließen.

Zitate aus einem Fachblog für Schriftsteller(innen) von Lisabet Sarai
Bild © 2021 by liebesverlag.de
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Bitte alle Links löschen ...

Wer von euch zu diesem Magazin verlinkt hat, möge diese Links bitte löschen. Wir gehen definitiv im Sommer offline.
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Ich verschenke gerne Worte …

Aber nur an diejenigen, die mich lieben und lesen. Und wenn ich die Worte zähle, die ich und andere hier an die blaue Luft verloren haben, dann denke ich an Verschwendung. Und daran, dass ich meinen Geist, meine Zeit und was ich sonst zu bieten habe, auch für andere Themen einsetzen kann. Für die Meinungsfreiheit oder die Selbstbestimmung, beispielsweise.

Schreiben ist harte Arbeit … und harte Arbeit erfordert ein nie erlöschendes Feuer in uns selbst. Doch auch wenn es nach wie vor in mir brennt – ich muss die Wärme nicht teilen. Ihr braucht mein Blog nicht – und ich brauche es auch nicht.

Dies ist mein Abschied von diesem Blog.

Eine Personalie , ein Abschied auf Raten und die Freiheit ...

Liebe Leserinnen und Leser,

Ich verabschiede mich demnächst aus der Redaktion dieses Blogs. Ich bin nun seit über 20 Jahren „sehpferd“ und will meine Aktivitäten weiter einschränken und mich noch mehr als bisher um die Meinungsfreiheit bemühen. Inzwischen gibt es bei mir auch nichts mehr kostenlos. Und ... ihr müsst auf mich und dies Blog verzichten. Wird euch nicht schwerfallen, denke ich.

Beste Grüße aus den Algen ...

Sehpferd

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Was will deine Figur eigentlich?

Und wie entscheidet sich deine Figur jetzt?
Immer, wenn ich diesen Satz hier erwähne, spüre ich schon die Prügel, die ich von Schreibschulen und schreibenden Bloggern bekomme. Danach zu fragen, was eine Figur will, ist ungefähr das Letzte, was euch jemand raten würde.

Und nun kommt Sehpferd und will euch erzählen, dass ihr eurer Figur die Fesseln entreißen sollt, die sie an euch bindet? Euer Verstand sagt euch: „Diese Figuren sind meine Geschöpfe, Marionetten in meinen Händen – und sie sollen so handeln, wie ich es will.“

Dreht euch mal um – ich bin zwar Sehpferd, aber ich bin nicht allein.

Denn „Finde heraus, was deine Figur will“ ist ein Kernsatz erotischer Literatur. Er beruht darauf, dass die sexuelle Begierde nicht voraussehbar ist, sondern während der Handlung eigene Wege sucht. Das kommt der Realität verdächtig nahe, nicht wahr?

Eine Kollegin schrieb (stark gekürzt) :

Das Schöne beim Schreiben ist, dass sich die Dinge verändern werden … folge dem Weg, den deine Figur einschlägt, und höre darauf, was sie dir sagen will.

Es mag ein bisschen verrückt klingen, aber es funktioniert wirklich. (Du magst etwas für diesen Abschnitt geplant haben), aber deine Figur verschränkt die Arme, schüttelt den Kopf und sagt: "Nein, das mache ich nicht. Ich möchte stattdessen etwas andere machen.“

Kämpfe nicht dagegen an – mach mit. Hör hin, was deine Figur will.


Die Psychologie dahinter - nicht vorausgehen, sondern folgen

Psychologisch ist dies durchaus logisch. Wenn du schreibst, möchtest du, dass deine Figur die Grenzen überschreitet, die du dir in deinem Leben setzt. Und doch soll die Handlung noch lebensnah und glaubwürdig sein. Also ist es nötig, deine Figuren von der Leine zu lassen. Und das heißt: gehe nicht voraus, sondern folge ihnen.