Skip to content

Fakten: warum du keinen Roman schreiben solltest

Etwas zu wissen, heißt nicht unbedingt, es auch verinnerlicht zu haben. Und so „weiß“ eine große Anzahl von Internet-Bewohnern, was eine Kurzgeschichte, eine Novelle oder ein Roman eigentlich ist. Man ordnet die Begriffe hübsch ein, freut sich, dass sie so nett dastehen, und hat am Ende eigentlich gar nichts über sie ausgesagt.

Der Schreibanfänger möchte allerdings zunächst etwas ganz Einfaches wissen: Wie lang darf, soll oder muss meine Geschichte eigentlich sein? Diese Frage hat Sinn, denn wir wollen unser Werk ja nicht mit 18 anfangen und mit 68 beenden, nicht wahr?

Wenn du die Sache so siehst, dann lies einfach weiter:

Die Kurzgeschichte

Die Kurzgeschichte, in Deutschland oft als „minderwertig“ verpönt, ist in Wahrheit eine schriftstellerische Meisterleistung, weil sie dich dazu zwingt, das Wesentliche deiner Erzählung herauszustellen. Wenn du „netto“ 200 Wörter am Tag stehen lässt (vielleicht musst du die dreifache Anzahl schreiben – überleg es dir gut!), dann kannst du eine recht gute Kurzgeschichte in fünf (1000 Wörter) bis 14 Tagen (2800 Wörter) schreiben. Oder eine etwas Längere in einem Monat, also an 20 Arbeitstagen (4.000 Wörter). Dazu muss ich dir allerdings sagen: Je länger, umso schwerer wird es dir fallen, weil du die Geschichte ja „irgendwie schlüssig“ darstellen musst – und das heißt, sie immer mal wieder daraufhin durchzulesen. Wer kürzere, aber dennoch packende Geschichten schreiben kann, ist im Vorteil.

Die Novelle

Eine Novelle ist – nach deutschem Verständnis – eine etwas längere, aber ähnlich gestaltete Form wie eine Kurzgeschichte. Sie führt aber etwas breiter aus, was mit deiner Figur im Laufe der Handlung geschieht. Die Novelle hat deswegen meist mehr Kapitel, mehr Seiten und naturgemäß dann auch mehr Wörter. Wenn du deine Geschichte also in mehreren Episoden oder Kapiteln erzählen willst, ist die Novelle gerade richtig. Man sagt, sie könne etwa 20.000 Wörtern beherbergen. Das bedeutet für dich unter gleichen Bedingungen: Es ist eine Arbeit, die dich mehrere Monate beschäftigt. Es kann übrigens durchaus sein, dass du gegen Ende beschließt, auch ein voraufgegangenes Kapitel noch einmal zu ändern. Das ist eine ganz normale Schriftstellertätigkeit, aber sie kostet viel Zeit. Nach oben ist bei den Worten noch etwas „Luft“. Es dürfen also auch etwas längere Geschichten sein.

(Warnung! Im englischsprachigen Raum ist eine „Novelle“ („Novel“) ein Roman)

Der Roman

Das „Buch“, das du schreiben willst, ist meist ein Roman. Ich finde, „Roman“ ist heute ein mehr als grober Sammelbegriff für alles, was viele Seiten hat. Meist handelt es sich um Erzählungen, die breit ausgeschmückt werden, und in denen mehrere Personen und ihre Schicksale behandelt werden. Um einen solchen Roman von Anfang bis Ende schlüssig zu schreiben, brauchst du neben viel Erzähltalent auch einen aufgefächerten Plot – und jede Menge Ausdauer. Rein formal musst du mindestens 60000 Wörter zu Sätzen zusammenfügen und dem Gesamtwerk mit diesen Sätzen Sinn und Ziel vermitteln. Das kannst du in etwas mehr als einem Jahr schaffen. Dein Werk dürfte dann etwas schmal ausfallen – das macht aber nichts.

Was empfehle ich?

Die Empfehlung geht ganz klar in Richtung Kurzgeschichte. Du kannst dein Schreibtalent, dein Durchhaltevermögen und deine Sprachgewalt überprüfen und lernen, deine Gedanken zu raffen und auf das Wesentliche zu konzentrieren. Was willst du mehr?

Was du über die Kurzgeschichte wissen musst …

Nahezu alle Kurzgeschichten folgen heute der amerikanischen Tradition. Deine Figur ist schon beim ersten Satz erkennbar, ihr Charakter wird durch das weitere Geschehen definiert. Die Handlung beginnt sofort, und sie wird so geschildert, als ob deine Leserin danebenstehen würde und zusehen könnte. Doch nun geschieht etwas Ungewöhnliches, das deine Leserin nicht erwartet hat. Dieser Umstand wird dann zur eigentlichen Handlung ausgebaut, die meist ohne Umschweife auf den Höhepunkt zuläuft. Je nach Art der Erzählung und dem gewünschten Spannungsaufbau kannst du einen oder mehrere Wendepunkte einbauen, die aber letztlich alle in zu einer Veränderung führen. Am Schluss steht ein Wandel oder jedenfalls der Beginn eines Wandelns. So, wie die Geschichte begonnen hat, verlassen wir sie wieder: Die Figur geht … und wir wissen nicht genau, was sie nun tun wird.

Andere "kurze" Geschichten

Erwähnen will ich noch, dass es auch andere „kurze Geschichten“ gibt, die man auch „Episoden“ nennt. Wie auch die Kurzgeschichte erzählen sie eine kurze Episode aus dem Leben eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen. Die Teilgeschichten beginnen ähnlich wie Kurzgeschichten, haben aber ein Ende, das auf eine neue Episode mit einem anderen Ausgang hindeutet. Das bedeutet für sich, dass du sie aneinanderreihen kannst, wobei jede Episode neue Spannung erzeugt. Eine andere Form, in Abschnitten zu schreiben, bilden Briefromane oder Tagebuchromane.

Episodenromane genießen (wie Kurzgeschichten) einen schlechten Ruf, der absolut unbegründet ist. Das „wahre“ Leben setzt sich beispielsweise aus Episoden zusammen, deren Bedeutung oft erst später erkannt wird. Daher ist es durchaus möglich, auf der Basis von Episoden eine kontinuierliche, schlüssige Story aufzubauen. Episoden über Liebe, Lust und Leidenschaft kommen vor allem in Serien vor, zum Beispiel in „Coupling“ von Steven Moffat. Das sollte aber niemanden hindern, Episoden auch einfach aufzuschreiben – und dabei Komik mit Erotik zu verbinden.

Wie auch immer – kurze Geschichten ebnen dir den Weg zum Wesentlichen. Und du kannst „dran bleiben“ – was besonders für Schreibanfänger ein enormer Vorteil ist.

Schreiben – Teil zwei: Reicht deine Zeit für einen Roman?

Muss es wirklich ein Roman sein?
Du bist fest entschlossen, dein Schreibtalent zu erproben? Dann brauchst du jetzt eigentlich nur ein Thema und die erste Figur, die du hineinsetzen willst.

Na schön. Aber ich hätte da aber noch einen anderen Vorschlag, den du dir anhören solltest, bevor du die erste Seite schreibst. Du solltest auch weiterlesen, wenn es mit deinen Werken nicht so recht vorangeht – es könnte erhellend für dich sein.

Ein Teil dessen, was ich dir hier schreibe, könnte zunächst entmutigend wirken – auf die „Wirkungen und unerwünschten Wirkungen“ muss ich hinweisen. Ich sage dir aber zugleich, dass ich dir zeigen will, wie du trotz mancher Hürden Erfolg haben wirst.

Die Zeit läuft ... und läuft ...

Hinter der Zeit herlaufen?
Die allererste Frage, die du dir stellen solltest, ist: „Wie viel Zeit gibst (oder nimmst) du dir täglich, um zu schreiben?“ Ich denke, eine Nebenberufs- oder Liebhaberschriftstellerin wird kaum mehr als eine Stunde täglich erübrigen können, um zu schreiben. Und die Frage ist: Wenn du täglich eine Stunde hast – wie lange wirst du brauchen, um dein Werk zu vollenden?

Eine Stunde täglich? Das ergibt also gegen 230 Stunden schriftstellerischer Arbeit im Jahr. Und nun kommt die Preisfrage: Was kannst du innerhalb dieses Jahres erschaffen?

Neulinge überschätzen sich oftmals

Die meisten engagierten Schreibanfänger glauben, Sie könnten durchaus 500 Wörter am Tag schreiben. Das klingt zunächst sehr gut, muss aber ein wenig korrigiert werden:

1. Erdacht ist noch nicht geschrieben.
2. Geschrieben ist noch nicht überarbeitet.
3. Überarbeitet ist noch nicht vollendet.
4. Vollendet ist noch nicht veröffentlicht.


Von der Autorin Maya Angelou ist bekannt, dass sie täglich neun Seiten schrieb (gegen 2.500 Wörter), aber sechs davon vernichtete. Bleiben also etwas unter 900 Wörter. Und das wird dir auch passieren: Du wirst etliche Seiten schreiben, die gekürzt oder verworfen werden müssen.

Und wenn du dich mit den Großen dieser Welt messen willst: Graham Greene oder Ernest Hemingway schrieben auch nur 500 Wörter am Tag – und die schreiben professionell.

Unser Fazit zum Roman


Rechne damit, zu Anfang zwischen 100 und 200 verwertbare Wörter am Tag zu schreiben.

Gut – und wie lange brauchst du dann für einen Roman?

Rechnen wir mal ganz einfach. Nehmen wir an, dein Roman wäre auf etwa 300 bis 400 Seiten angelegt – das streben ja viele Autoren an. Und nun unterstellen wir, du könntest am Tag durchschnittlich 200 Wörter schreiben. Das ergäbe in 230 Arbeitstagen 46.000 Wörter oder ungefähr 184 Seiten. Dann könntest du in etwas zwei Jahren deinen Roman abschließen.

In diesen zwei Jahren kann viel passieren. Deine privaten Interessen können sich wandeln – oder du erkennst auf Seite 150, dass du auf dem Holzweg bist. Ich kann dir verraten, dass es den meisten „verhinderten“ Autorinnen und Autoren so ergangen ist.

Kommen wir nun zum Positiven: Es gibt Alternativen.

Es geht auch ohne Roman
Warum willst du eigentlich einen Roman schreiben? Schreiben zu können ist eine wundervolle Fähigkeit, die du nicht in die großen, gefräßigen Mäuler von Romanen stopfen musst.

Unter den vielen Möglichkeiten, etwas „Kompakteres“ zu schreiben, ist die Kurzgeschichte erste Wahl. In Deutschland war sie nicht ganz so unbekannt, wie man manchmal lesen kann. Es gab „Kalendergeschichten“ und „Noveletten“, bevor die „Short Story“, also die Kurzgeschichte ihren Siegeszug antrat. Du wirst auch heute noch feststellen, dass die Literaturlobby Kurzgeschichten oftmals als „minderwertig“ ansieht. Das kannst du getrost unter „akademische Arroganz“ verbuchen.

Und nun können deine Augen wieder heller werden: Du solltest nicht aufgeben, sondern genüsslich schreiben. Es wäre schade um deine wundervollen Werke, wenn sie am Ende nicht das Licht der Welt erblicken würde, habe ich recht?

Bei einer Kurzgeschichte kommst du möglicherweise schon mit vier Seiten aus (gegen 1.000 Wörter) mit zwischen acht und und zehn Seiten (bis 2.500 Wörter) kannst du schon eine recht umfangreiche Handlung einbauen. Bei 50 Seiten kommst du schon in die Gegend einer Novelle (12.500 Wörter). Das Schöne: Das alles kannst du in kurzer Zeit oder jedenfalls in einem überschaubaren Zeitraum schaffen.

Wenn du nun sagst, dass du darüber ganz ander Zahlen, Daten und Fakten kennst, dann vergiss nicht, dass nicht alle Autorinnen auf Qualität achten müssen. Wenn du als „Schreibmagd“ einen Cent pro Wort bekommst, sind 100 Wörter gerade mal einen Euro wert. Da wird schon mal geschlampt, abgeschrieben oder umgeschrieben, und manche Texte werden wie Kaugummi in die Länge gezogen.

Bild (Kaninchen, rechts) von John Tenniel. Bild unten unbekannt, Künstlerplakat. Präzise Informationen zu den Fakten:
Writers Write (englisch) und The Thriller Guy (ebenfalls englisch)

Was ist denn eigentlich „Schreiben“?

Was ist eigentlich "Schreiben"?
Was ist denn eigentlich „Schreiben“? Ach, das wisst ihr schon lange? Ich bezweifle es. Und ihr seid in jedem Fall schlauer, wenn ihr bis zum Ende lest.

Die Beziehungen zwischen Schreiben und Denken sind vielfältig und wechselseitig. Um das Verhältnis zwischen beiden zu verstehen, muss man verschieden Funktionen des Schreibens und die Art der dabei involvierten kognitiven Prozesse betrachten.


Sylvie Molitor-Lübbert

Wem das Wissenschaftsdeutsch zu kompliziert ist, der kann es auch so ausrücken:

Zwischen Schreiben und Denken besteht eine Wechselbeziehung. Um dieses Verhältnis zu verstehen, muss man wissen, was dabei zwischen Feder und Gehirn abläuft.

Warum fangen wir so an? Weil das angebliche „Wissen“ über das Schreiben total veraltet ist. Die Literaturpäpste haben – ebenso wie die Deutschlehrer – eine eigene, im Grunde nicht mehr tragfähige Einstellung zu Wort und Schrift. Sie beruht auf Traditionen, in denen der Wandlungsprozess vom Denken ins Schreiben ein Mysterium ist. Und viele Jahre, nachdem Norbert Wiener, Paul Watzlawick und viele andere erklärt haben, wie Regelkreise, dynamische Prozesse und Kommunikation vor sich gehen, haben sie davon weder etwas gehört noch haben sie es verstanden.

Was letztlich bedeutet: Schreiben bedeutet nicht, sich etwas zu erdenken, um es dann niederzuschreiben. In Wahrheit bedeutete es, mit dem Geschriebenen zu kommunizieren. Ich erklär es einmal für alle, die sich davon ein Bild machen wollen:

Schreiben bedeutet mehr als Wörter aneinanderzureihen

Unsere Gedanken bestehen aus einem Gemisch aus analoger Sprache und digitaler Sprache. Ist nicht so kompliziert, wie es scheint. Denn es bedeutet nur, dass ein gewaltiger Teil in unvollkommenen, bildhaften Vorstellungen im Gehirn steht, während nur ein kleiner Teil bereits „in Worte gefasst“ ist. Wenn wir schreiben, müssen wir aber oft auch den „bildhaften Teil“ in Zeichen setzen, sehr schwer fällt uns dies vor allem, wenn wir über Gefühle schreiben wollen. Auch im besten Fall sind die ausgeschriebenen Gefühle nicht wirklich authentisch. Nun lesen wir also, was wir geschrieben haben, und denken: Oh, das ist eigentlich nicht genau das, was ich ausdrücken wollte. Heißt: Erst beim Wiederlesen erkennen wir, was wir tatsächlich geschrieben haben – und das würde zu einem Prozess ohne Ende führen, wenn wir nicht irgendwann sagen würden: „Ja, nun stimmt alles für mich.“

Lass deine Figuren von der Leine

Aus ähnlichen Gründen empfehlen viele moderne Schreibtrainer, die Figuren „von der Leine zu lassen“, sodass sie „selbstständig handeln“ können. Auf den ersten Blick wird euch das vielleicht ein wenig entsetzen, denn „wie kann eine Figur, die ich erschaffen habe, selbstständig werden?“

Wir lesen zunächst einmal bei Christine Pepersack:

Wir unterscheiden bei der Figurenkonzeption zwischen solchen Charakteren, die aktiv handeln und entscheiden, und solchen, die durch äußere Ereignisse bestimmt werden und Entscheidungen vermeiden. Unsere Figuren sind dafür verantwortlich, dass die Handlung vorangeht, kurzum: Sie sorgen dafür, dass etwas passiert.


Ist damit schon die Frage beantwortet, warum sie überhaupt selbstständig handeln können, also, ohne dass sie von uns geführt werden?

Selbstverständlich, denn unsere aktiven Figuren müssen ständig handeln. Und sobald es um eine neue Handlung geht, vielleicht um eine Entscheidung, macht sich deine Figur selbstständig und entscheidet anders, als du es im Leben tätest. Sie zeigt dir den Weg, den sie gehen muss, will du ihn ja nicht gehen wolltest. Das liegt daran, dass jede Figur ein Teil von dir ist (du hast sie ja erschaffen), aber auch ein Teil der Welt, in die du sie hineinsetzt. Der britische Psychiater Roland D. Laing hat sehr viel zu diesem Thema gesagt, und leider ist es schwer zu verstehen – aber er sagt letztendlich, dass in deinem Kopf außer dem, was du denkst, auch noch das rotiert, was andere denken.

Sind wie alle Meschugge, weil wir schreiben?

Oh Schreck – da kommen wir in den Bereich, dessen, was Psychiater „Bipolare Störungen“ nennen. Das solle eigentlich eine Krankheit sein, aber es ist eben auch ein Zustand, in dem viele Schriftsteller leben. Wer Welten erschafft, wer Figuren in seinem Hirn tanzen lässt, die es gar nicht gibt – der hat in der Denkweise der Lieschen Müllers eben nicht „alle Tassen im Schrank“.

Und du? Du schreibst einfach, siehst dann deinen Figuren nach und folgst ihren Spuren … mal kreidebleich und mal errötend, mal lächelnd und mal besorgt.

Ich spürte, wie sie mich spürte … wie Sie eleganter formulieren können

Fühlen und Spüren -wenn die Sinne eingeschränkt wurden ...

Wir alle haben vermutlich gelernt, dass wir nicht ständig "tun" und "machen" schreiben sollen. Beim "Fühlen" haben wir offenbar nicht aufgepasst. Und so ist es gekommen, wie es kommen musste: die erotische Literatur ist voll von Heldinnen und Helden, die etwas "fühlen" oder "spüren", statt es mit allen Sinnen wahrzunehmen. Ich schrieb diesen Artikel schon vor einiger Zeit anhand eines negativen Beispiels. Ich habe ihn hier ergänzt, sodass Sie beim Schreiben nicht mehr fühlen müssen, wie jemand Sie befühlt und spüren, wie Sie jemand spürt.


Heute möchte ich Sie auf das kleine Wort „spüren“ aufmerksam machen. Es bezeichnet die Fähigkeit vieler Lebewesen, aufgrund ihrer Nervenenden etwas wahrzunehmen, was für sie im Moment nicht auf andere Weise erkennbar ist. Es ist verwandt mit dem Wort „fühlen“ und wird ähnlich benutzt.

In einem anderen Zusammenhang wird das Wort auch im Sinne von „aufspüren“ benutzt. Empfindungen der Psyche kann man nicht sofort „spüren“, sondern es ist nötig, ihrer Spur zufolgen, sie also zu erspüren oder ihrer Spur nachzugehen. Schiller hat es in der Glocke auf den Punkt gebracht:

Das ists ja, was den menschen zieret,
und dazu ward ihm der verstand,
dasz er im innern herzen spüret,
was er erschafft mit seiner hand.

(Rechtschreibung wie im "Grimm" zitiert)

Spürt jemand etwas körperlich, so ist anzunehmen, dass er dies nicht erwartet hat – sonst würde er nicht behaupten, es zu spüren. Erotik-Autorinnen und Autoren begehen häufiger als andere den Fehler, alles, was sich fühlen lässt, mit „fühlen“ einzuleiten, und alles, was sich spüren lässt, mit „spüren“. Doch „spüren“ sollte auf die Momente reduziert werden, in denen keine andere Wahrnehmung möglich ist.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das gleich mehrere unsinnige Formulierungen enthält:

Ihre Hand wanderte an den Knöpfen meines Oberhemds herunter herunter und öffneten mir die Hose. Ich spürte ihre Hand, die meinen Penis mit feuchten Händen umfasste.


Wie immer in meinen Beispielen habe ich das Original-Zitat, das tatsächlich so geschrieben wurde, leicht abgewandelt.

Der Autor führt sich selbst in die Irre, indem er die Hand von der Person abkoppelt, die dann irgendwelche „Dinge tut“. Denken Sie bitte stets daran: Eine Hand wandert nicht von selbst. Zwar kann man das Stilmittel „selbstständiger Körperteile“ gelegentlich einsetzen, hier wirkt es aber völlig deplatziert. Nachdem der Autor einen falschen Ansatz verfolgt, ist muss er zwangsläufig weitere Fehler machen: Eine wandernde Hand öffnet keine Hose. Dazu sind Finger nötig, und eine Hose zu öffnen, ist ein vergleichsweise komplizierter, sehr intimer Prozess, den der Autor in seiner Ausdrucksweise nicht nicht einmal im Ansatz bildhaft beschreiben kann. Hier ist alles „Hose wie Dose“. Auch ein drittes Mal greift der Autor daneben, diesmal etwas peinlicher. Weil er sich zu lange an der „selbst bewegten“ Hand festgehalten hat, fällt ihm gar nicht, auf dass plötzlich beide Hände am Penis liegen, nachdem er „ihre Hand spürte“. Was hatte er eigentlich vorher wahrgenommen?

Ich habe im Internet einige Textstellen gesammelt, ihren Ursprung unkenntlich gemacht und präsentiere Ihnen hier die Stilblüten:

Ich spürte …
… ihre Zunge.
… Ihren Schweiß.
… ihren Atem.
… ihren Körper.
… sie an meinem Körper.
… ihre Brust an meinem Körper.
… ihr Herz schlagen.
… ihr Blut pochen.
… ihre Lusthöhle.
… ihre nackte Haut.
… ihre spitzen Fingernägel.

Jedes dieser Zitate ist einer Textstellen entnommen, in der sich die Person mit dem Erzähler in direktem Kontakt befand. Er war also nicht auf das passive „Erfühlen“ angewiesen. Sie hätte ihre Zunge zwischen seine Lippen zwängen können. Ihr Schweiß hätte Perlen bilden können, ihr Atem hätte seine Haut streifen können … bis hin zu den spitzen Fingernägeln, die sie schmerzhaft in seine Haut drückt.

Also: Setzen Sie das körperliche „Spüren“ nur dann ein, wenn der Umstand, etwas zu „spüren“, Ihren Helden überrascht.

Ganz anders verhält es sich mit dem emotionalen Spüren. Damit ist ein eher „unbestimmtes“ Gefühl gemeint, das nach einer Beschreibung verlangt, etwa, wenn die Heldin plötzlich Angst verspürt, sei seine Verachtung verspürt oder wenn sich ein Gefühl der Liebe oder der Lust, das lange verschüttet war, wieder bemerkbar macht.

Also:

… ihre Zunge umspielte …
… Ihr Schweiß bildete Perlen, die bald zu kleinen Bächen verschmolzen …
… ihr Atem kam heiß und stoßweise …
… ihr Körper wand sich unter mir …
… Ihr halb nackter Körper rieb sich an meinem neuen Anzug …
… Sie presste ihre Brust an meinen Körper …
… ihr Herz schlug wild, hart und hörbar …
… Ihr Blut pochte so wild in den Adern, das sich es hören konnte.
… sie drängte ihre Lusthöhle gegen meinen Penis.
… Ihre nackte Haut roch wild und fordernd.
… ihre spitzen Fingernägel gruben sich in meinen Nacken.

Aber:

Sie hatte mir die Augen verbunden und die Hände am Bettpfosten gefesselt. Dann war sie fortgegangen. Ich wusste nicht wohin, ja nicht einmal, ob sie zurückkommen würde. Ich spürte jeden Windhauch und …


Sehen Sie: Wenn einzelne Sinne ausgeschaltet sind, konzentrieren wir uns auf das „Erspüren“. Dann ist es richtig, von „spüren“ zu schreiben. Aber bitte nicht das, was man hören, sehen und schmecken kann. Ihre Leserinnen und Leser würden nämlich gerne mithören, mitsehen und mitschmecken.