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Erotik auf den Kopf gestellt: alles ganz falsch ist oft goldrichtig

Tabus brechen oder Klischees verwenden?
Ein älterer Mann verführt eine jüngere Frau – mag ja sein, dass euch dieses Thema interessiert. Kürzlich hat sogar jemand einen Welterfolg damit begonnen, eine „arme Jungfrau zart“ mal schnell von einem älteren, arroganten und manipulativen Fuzzi auf „devote Sklavin“ umzutrimmen.

An dem Machwerk war alles total alte Schule, der Plot war „Cinderella mit Aua, aua“ und sonst – na ja, da waren eben ein paar Schilderungen der Schmerzlust, die sich die Erfolgsautorin irgendwo abgelesen hatte.

Wer es wiederholen will, muss ein paar andere Tabus brechen – und der Tabubruch muss vor allem äußerst chic sein. Damit die Feministinnen „Verrat!“ schreien und den Leserinnen die Schamlippen anschwellen, wenn sie den Text aufsaugen.

Nein, nein – gab es alles schon. Cinderellageschichten und Soft-S/M sind zwar immer noch populär, aber ob du damit einen Blumentopf gewinnst? Ich glaube nicht daran, dass sich diese Zitrone noch weiter auspressen lässt.

Hier wäre ein anderes Prinzip: Stell alle auf den Kopf. Schreib über das, was nicht täglich vor deiner Nase geschieht, was „ganz falsch“ ist und möglichst unmoralisch.

Wer verführt wen?

Warum soll einen Mann eigentliche eine Frau verführen? Warum soll er sie verleiten? Was motiviert ihn, sie sogar erotisch zu versklaven?

Was wäre, wenn du eine Figur schaffen würdest, die einen Mann verführt, verleitet und versklavt? Und dies noch auf eine ausgesprochen elegante Art und dabei dennoch schamlos und konsequent?

Warum wagst du nicht den „doppelten Tabubruch“, und schaffst eine weibliche Figur, die Frauen und Männer schonungslos zu erotischen Eskapaden verführt?

Mann verführt Frau – ganz anders?

Der Sugar Daddy, sie ein lustvoll, bedürftig oder korrupt, der sein Sugar Baby durch Verführung rekrutiert, ist immer noch beliebt. (SoG lassen grüßen). Der jüngere, etwas eigenartig lebende Mann, der eine etablierte, verheiratete Frau verführt, wäre eine Alternative. Cinderellageschichten leben davon, dass der Mann wohlhabend ist, die die Frau hingegen bedürftig. Das könnt ihr ohne Weiteres umkehren.
Wer verführt wen ... und wie?

Frau verführt Mann?

Szenen, in denen Frauen Männer verführen, sind hocherotisch. In den meisten bekannten Entwürfen sind es „gestandene“ ältere Frauen, die den jüngeren Mann verführen – das war einmal ziemlich spektakulär. Darüber steht dann „MILF“ und gemeint sind Frauen zwischen 35 und bestenfalls 40, die einen jungen Mann in die Geheimnisse der Lust einführen. Ganz hübsch – aber ziemlich abgedroschen. Interessanter ist es, in die Geheimnisse der „Jägerinnen“ zwischen 45 und 55 einzudringen, die ihr Alter geschickt verbergen, und deren Beute hübsche, potente junge Männer sind: Cougars. Hinzu kommen all diese erotischen Märchen, in denen junge Männer in die Hexenhäuser dominanter Frauen gelockt und dort sexuell gereizt, aber auch entwürdigt werden.

Frau verführt Frau

Natürlich gibt es solche Geschichten schon, aber sie sind meist zu „brav“ angelegt. Die meisten entwürfe gehen von der gleichen Grundsituation aus wie ihre heterosexuellen Pendants: Die ältere, erfahrene, durch und durch lesbische, etablierte Dame verführt eine junge, noch unsichere, mädchenhafte Frau. Das passt auf manches Klischee, wirkt aber auf Dauer als Thema ermüdend. Wie wäre es mit einer jungen, bi-neugierigen Frau, die du auf ihrer Suche nach ersten oder ultimativen Erfahrung mit der lesbischen Liebe schicken könntest? Wenn du einen Schritt weitergehen willst, kannst du eine erfahrene Verführerin auf den Weg schicken, die ihre Amouren keinesfalls nur zum Lustgewinn, sondern auch zu wirtschaftlichem Erfolg nutzt?

Mann verführt Mann

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Die Verführung eines Mannes ist schwerer zu schildern – für Hetero-Männer noch mehr als für Hetero-Frauen. Zudem erwarten die meisten Leserinnen, dass homosexuelle Beziehungen zwischen Männern nicht zu drastisch geschildert werden. Und die meisten Leser, die nicht homosexuell sind, wünschen sich, dass der Mann „da so hineingeschlittert“ ist. Oftmals werden in erotischen Bi-Geschichten Frauen als „Vermittler“ eingesetzt. Die Kunst solcher Erzählungen liegt darin, die Verführung glaubhaft, sanft und nicht nachhaltig anzulegen – dann sind auch Hetero-Männer interessiert. Der beste Tipp, um Empörungen zu vermeiden: Deine männliche Figur sollte „passiv“ bleiben. Ein sehr interessanter Autor, der ist Jonathan Ames, speziell in „What’s not to Love“. Falls du noch ein Exemplar erwischt und englisch lesen kannst, dann kauf es, auch wenn es schweineteuer ist.

Gruppenverführungen

Vielleicht glaubst du es nicht, aber Gruppen-Verfühungen sind äußerst beliebt in der Erotik-Branche. Gemeint sind dabei keine Orgien, sondern simple Konstellationen: Ein Paar verführt eine Dritte oder einen Dritten – meistens sind dabei bisexuelle Handlungen involviert. Zumeist wird dabei der Fehler gemacht, das „Sexuelle“ zu sehr in den Vordergrund zu stellen – deshalb stehen solche Szenen im Pfui-Teufel-Verdacht des pornografischen. Für eine anspruchsvolle erotische Geschichte wäre interessant, wie es dazu kam, eventuell sogar, indem du gescheiterte Vorerfahrungen mit einbringst.

Ohne wenigsten eine aktive Verführung ist ein erotischer Roman kaum etwas wert – und für viele Kurzgeschichten ist die „schnelle, aktive Verführung“ sogar unerlässlich.

Die in Text und Titel verwendeten Bilder sind Buch-Illustration, deren Urheber nicht gefunden werden konnte

Wie wird deine Geschichte eigentlich erotisch?

Erotik ist das, was du schreibst, sondern was deine Leserin dabei empfindet
Die Autorin Ines Witka sagt es kühl: „Erotik findet vorher statt.“ Vor dem Vögeln. Oder vor der Züchtigung, wenn es um eine solche geht.

Ich drücke es gerne anders aus, aber auch dies fällt in dasselbe Meinungsbild:

Eine sinnliche Geschichte ist erotisch, bevor gevögelt wird. Währenddessen ist sie bestenfalls sexuell, und hinterher ist sie emotional. Das ist die stark vereinfachte Wahrheit.


Anhand vieler bekannter und unbekannter Romane und Erzählungen lässt sich diese Behauptung belegen, und Ines Witka meint noch dazu: „Für mich ist Erotik ein Versprechen, das die Sexualität umspielt.

Ich denke, wir müssen nun Tacheles reden, nicht wahr? Wenn du so schreibst, wie in der Schule, dann bist du gewohnt, Sätze in Folge zu verfassen, die aneinandergereiht eine Geschichte ergeben. Man nennt so etwas auch eine „Erzählung“ oder spricht von „narrativem Schreiben.“

Keine Gebrauchsanweisung für den Geschlechtsverkehr schreiben

Das Problem dabei: Die meisten Schreibanfänger und überraschend viele Schreibprofis begnügen sich mit den technischen Vorbereitungen und Abfolgen eines Geschlechtsakts. Das lässt sich so erzählen, als ob jemand zum Metzger geht und ein paar Sorten Aufschnitt kauft, schafft aber normalerweise keine erotische Atmosphäre. Es gibt Hunderte von Beispielen im Internet dafür, wie BHs geöffnet, Höschen heruntergezogen, Brüste, Vulven, Hoden oder Penisse getätschelt wurden. Und stets folgt auf diese Aktion eine neue und wieder eine neue. Und so weiter … am Ende glaubt der Leser dann, ihm sei ein pornografischer Film nacherzählt worden.

Zum Sex verführen statt einfach den Sex abzuwickeln

Die Lösung ist ebenso einfach, aber mit ihr berühren wir ein ethisches Problem: Wir müssen unsere Figur nämlich dazu bringen, jemanden zu verführen oder verführen zu lassen. Das wird sie kaum tun können, ohne zu beschreiben, wie das detailliert vor sich gegangen ist, welche Dialoge beide dabei führten und wie es sich emotional anfühlte, Wenn du aus der Sicht der Verführerin (oder des Verführers) schreibst, kannst du die Macht nutzen, die der Verführerin zuwächst. Sollte deine Hauptfigur die Verführte sein, kannst du das gesamte Spektrum der Sinnlichkeit nutzen – körperlich wie emotional.

Beschreibe lange und ausführlich, wie die Sinnlichkeit angefacht wird

Du kannst sehr lange darüber schreiben, wie sich die Augen am Körper des/der anderen sattsehen. Dann wird aus dem Satz: „Schließlich spreizte sie die Beine ein wenig mehr“ ein Feuerwerk von Beobachtungen, von Aufspreizen der Schamlippen bis zu einer verführerischen Präsentation ihrer Vagina. Das könnte sich dann so lesen:

Ich ahnte, dieser Blick forderte mehr, und nicht nur ein wenig mehr. Ihre Augen zwangen meine Beine auseinander, und ich spreizte sie ein wenige mehr, als es angesichts der Situation angemessen war. Die katzenhaft blinkenden Augen der Fremden vertieften sich in meine Schenkel, und bevor ich es verhindern konnte, begann ihre Hand, mich zart zu streicheln, während ihr Körper sich sonst nicht zu bewegen schien. Ich reagierte spontan, wollte meinen hochgerutschten Rock wieder herunterziehen, versuchte, einen Satz zu formulieren. Doch mein Körper wollte etwas anderes. Mich durchzog ein heißer Schauer aus der Mitte meines Körpers, der bald meine Schamlippen erreichte. Ich stöhnte, und meine Nerven tanzten Boogie-Woogie.


Der Text ist an eine heftige lesbische Verführung angelehnt. Die raffinierte exotische Verführerin wickelt eine lustvolle und begierige, aber ansonsten naive junge Frau in ihr Spinnennetz ein, und sie fürchtet sich davor und genießt es zugleich, weil sie nichts tun muss, als sich ihrer Verführerin hinzugeben. Frauen sind in der Beschreibung des sinnlichen Körpers klar im Vorteil, weil sie ihre intimen Körperstellen sehr gut kennen, während viele Männer noch niemals eine erregte Vulva oder Vagina aus der Nähe gesehen haben.

Ganz sicher können auch Männer sinnlich verführt werden

Willst du beschreiben, wie eine Frau einen Mann verführt, kannst du ganz ähnlich vorgehen: Statt den „Kasper aus der Hose“ fluppen zu lassen, kannst du beschreiben, wie sein Penis halb steif darauf wartet, liebkost zu werden.

Hier haben wir mal eine Situation gewählt, in der eine Verführung narrativ beschrieben wird. Es ist ein Beispiel dafür, dass du auch rein erzählerisch an erotische Themen herangehen kannst – du musst nur intim genug schreiben. Nimm daran Teil, wie eine Töpferin von ihren Erlebnissen mit jungen Männern erzählt:

Den Penis eines Mannes zu streicheln, ihn zu bearbeiten, um seine schöne rosa Spitze hervorzubringen, und das alles sehr liebevoll, damit er nicht erschrickt – das ist so, als würde ich den weichen Ton bearbeiten. Manchmal zittern die Körper der Kerle eine wenig, wenn sich meine Hand dem bereits entblößten, halbsteifen Penis nähert und der Mann noch recht unerfahren ist. Wahrscheinlich denkt der Mann vorher „Du musst jetzt tapfer sein, die Frau kennt sich damit aus“, und er wartet,auf den nächsten Schritt. Doch dann merkt er, wie wundervoll es ist, wenn sein Penis von einer erfahrenen Hand gestreichelt wird und er jede meiner sanften und sinnlichen Bewegungen genießen kann. Oh ja, es wird noch heftiger, mein Süßer … und du bekommst deine Belohnung. Aber erst einmal gehörst du in meine Hand …


Und die Verführung selbst, nun ohne Handverkehr?

Auch dazu haben wir eine schöne Schilderung, die ganz und gar nicht pornografisch ist:

Er versuchte, mich zu küssen und tat das, was er offenbar von einer gleichaltrigen Frau gelernt hatte: Vorsichtig zu prüfen, ob die Zahnbarriere geschlossen bleibt, oder ob die Zunge ihren Weg findet, sich in meinen Mund zu schlängeln. Offenbar war er überrascht, dass ich seine Zunge ansog. Sein Körper begann daraufhin zu zittern, was mir deutlich zeigte, wie schnell er sich erregte – ein junger Mann eben. Ich legte meine Hand prüfend auf seine feine Baumwollhose, wie zufällig, und stellte fest, dass sein Penis inzwischen etwas angeschwollen war. Nun war es an der Zeit, einen lustvollen Kreis zu bilden zwischen dem Küssen und saugen, wo sich unsere Zungen schon intim berührten, und meiner Hand, die vorsichtig seinen Penis zu streicheln begann. Und es funktionierte. Er begann, leise und unterdrückt zu stöhnen, während ich weiter an seiner Zunge sog.



Ich denke, ich habe euch nun gezeigt, wie man durch Intimität und Sinnlichkeit erotische Gedanken erzeugen kann. In der „großen“ Literatur findet ihr solche Beispiele kaum. Ich erinnere mich an eine Passage, in der es lapidar hieß: „Sie nahm meinen Penis die Hand und küsste mich auf die Lippen.“ Wer nicht vorhat, erotische Erlebnisse lustvoll zu beschreiben, sollte es lieber gleich ganz lassen.

Die Tipps

1. Alles, was auf der Haut, unter der Haut und im Gehirn passiert, kann verwendet werden, um erotische Spannung zu erzeugen. Daran können alle Sinne beteiligt sein.
2. Das, was vor dem „Eintauchen“ des Penis in die Vagina geschieht, ist sinnlicher als das, was danach passiert.
3. Du solltest wissen, wie eine Vulva, eine Vagina oder eine Klitoris aussieht, wenn die Frau erregt ist. Und du sollest die Gefühle der Frau verstehen, wenn das passiert.
4. Wenn du über Männer schreibst, solltest du wissen, wie sich ein Penis anfühlt, wenigstens, wenn er in deiner Hand liegt und wie ein Mann reagiert, wenn du ihn sanft verführst.
5. Versuche, alle Beschreibungen möglichst „hautnah“ an deine Leser(innen) zu bringen, und zwar so, wie es Menschen tatsächlich erleben.

Hinweis; Umschreibungen und Textbeispiele nach dem "Satzfetzen-Prinzip" von Isidora. Zitat von Ines Witka aus "Dirty Writing", Tübingen 2015.

Schreiben - Teil drei: Idee und Figur

Idee und Figur im Zusammenhang
Der Inhalt in aller Kürze: Warum deine Figur und dein Thema miteinander verknotet sind und warum du diese beachten solltest.

Du weißt nun so ungefähr, was „Schreiben“ bedeutet. Du hast eine Vorstellung davon, wie lang deine Geschichte werden soll. Du vermutest, dass du es in der vergebenen Zeit schaffst. Nun fehlen dir nur noch zwei wichtige Komponenten: eine Idee und innerhalb deiner Idee die Hauptfigur.

In einer Vorgängerversion dieses Blogs haben wir immer wieder versucht, euch Themen nahezubringen. Aber im Grunde ist es eher so: Ihr seid fasziniert von einem Thema, und ihr traut euch zu, darüber zu schreiben. Und nun müssen wir darüber reden, was dein Thema mit deiner Figur zu tun hat. Statt „Figuren“ sagen andere Autoren auch „Charaktere“ oder „Protagonisten“.

Wenn du bei der Handlung ansetzt

Für einen Schreibanfänger sieht die Sache nun so aus:

- Im Grunde kannst du zunächst nur von Themen schreiben, über die du etwas weißt, es sei denn …
- … du kannst sehr gründlich recherchieren und …
- … dich in andere Menschen hineinversetzen.
- Drei Bespiele: (Themen ohne Recherche:) Die Handlung spielt in einer Stadt, die du kennst und du weißt etwas über das Milieu dort. Du gehst mit deiner Geschichte in eine Welt, die du kennst: Büros, Bars oder auch Sportvereine. (Themen mit Recherche:) Du kennst einen Menschen, der mit dem ungewöhnlichen Thema beschäftig ist, und du kannst ihn danach fragen.

Was dabei herauskommt, nennt man in der Regel „Handlungsorientiertes Schreiben.“ Das heißt, dass du die Handlung als „Motor“ der Geschichte nimmst, die sie vorantreibt.

Wenn du bei der Person ansetzt

Es geht auch anders herum:

- Am einfachsten ist es, wenn du von dir ausgehst – deine Figur muss deshalb keinesfalls so sein „wie du bist“, sondern sie kann jederzeit andere Wege gehen und neue Ziele verfolgen. Es sei denn …
- Du kannst sehr gründlich darüber recherchieren, was in anderen vorgeht und …
- Sie so beschreiben, wie sie sich selber sehen oder gerne sehen würden.
- Drei Bespiele: (Von dir ausgehend:) Du willst eine Frau beschreiben, die wagemutiger ist als du und die mehr erlebt. Oder du willst eine Frau in einer ganz anderen Umgebung beschreiben, die zumindest in einem Teil „in deiner Person enthalten“ ist. (Von einer Recherche ausgehend:) Du bist eine bist eine strikte „Hetero-Frau“ und willst eine bisexuelle Figur entwerfen.

Solche Ansätze führen normalerweise zum „Charakterorientierten Schreiben.“ Das heißt: Deine Figur treibt das Thema vor sich her und bestimmt damit auch die Handlung.

Einfach gesagt: Du kannst vom "Was" schreiben oder vom "Wer"

Die beiden Wege, noch einfacher:

Handlungsorientiert zu schreiben, heißt nach dem „Was“ zu fragen.

Was ist es, wie kann man es beschreiben und was folgt daraus?

Charakterorientiert zu schreiben, bedeutet, nach dem „Wer“ zu fragen.

Wer tut etwas, was passiert dabei, wie empfindet oder durchlebt die Person diese Situation, und was folgt daraus für ihn?

In der Praxis … oh ja, die Praxis. In der Praxis vermischt sich das Schreiben "an einer Handlung entlang" mit dem Schreiben, das sich auf die Figur und ihre Intentionen konzentriert.

Handlungsorientiert Schreiben scheint nur einfach zu sein ...

Du wirst überall nachlesen können: Wenn du dich an der Handlung orientierst, dann werden die Menschen mit der Zeit das Interesse an deinem Werk verlieren. Leserinnen und Leser wollen wissen, was die Personen tun – sie sind ja selber Personen. Zudem verführt das handlungsorientierte Schreiben zu Passivsätzen und – ganz generell dazu, Sätze einfach aneinanderzureihen, ohne auf eine innere Logik, Konsequenz und Dramatik der Ereignisse zu achten.

Falls du die Wahl hast und das „kreative Schreiben“ beherrscht, ist es immer interessanter, deine Figuren loszulassen, damit sie die Handlung bestimmen können.

Ein Geheimnis für dich: "Insider" schreiben langweilig - Beobachter schreiben lebendiger

Ich denke, ich habe dir nun gezeigt, warum das Thema und die Figur in einem inneren Zusammenhang stehen. Und ich kann etwas hinzufügen, was dich überraschen wird:

Der intime Kenner einer Szene (besonders in der Erotik) ist viel zu befangen, um eine Geschichte zu erzählen, die auch „Uneingeweihte“ interessiert. Der Beobachter aber kann es, weil er nicht in den oft strengen oder einseitigen Kategorien denkt, die „Insider“ haben. Deshalb handeln Kriminalromane selten von „sauberer Polizeiarbeit“ und Erotikromane ebenso selten von „sauberem, abgeduschten Sex“.

Richtig – da waren noch die Themen an sich. Wie finden Autoren eigentlich ihre Themen, und was könnte sie veranlassen, etwas darüber zu schreiben?

Ich will versuchen, die Frage das nächste Mal zu beantworten.

Anmerkung dazu: Ob sich zu Recherche auch das Internet eignet, will ich später diskutieren – vorläufig solltest du „in deinem erweiterten Umfeld“ recherchieren.

Die Fallen des narrativen Schreibens – am Beispiel

Nackt im Garten
Wenn du eine erotische Geschichte schreiben willst, solltest du dir vorher gut überlegen, ob du den „Erzählmodus“ wählen solltest, den wir alle einmal in der Schule gelernt haben.

Ich will euch zunächst ein Textbeispiel aus dem Internet zeigen. Im Original (1) zeigt es sich so:

Die Frau lag dort und schlief. Sie war splitternackt. Ich war wie vom Blitz getroffen, denn erstens war ich überrascht und zweitens hatte sie einen wunderschönen Körper.


Er ist ein Beispiel, wie mit einem Thema erzählerisch, also narrativ umgegangen wird. Ein Mann erzählt, wie er seine Nachbarin überraschenderweise im Garten vorfand: auf einer Liege, schlafend und splitternackt.

Daraufhin berichtet der Mann, er sei „wie vom Blitz getroffen“, bleibt aber offenbar bei Sinnen und seine angedeutete Ohnmacht wandelt sich in die „Überraschung“, gefolgt von „und zweitens hatte sie einen wunderschönen Körper.“

Mir geht es nicht darum, die dahinterstehende Geschichte zu kritisieren. Ich will euch nur zeigen, wie die sogenannte „narrative“ Schreibweise, zum „Aneinanderreihen von Sätzen“ führt, statt zu einer lebendigen erotischen Geschichte.

Das beginnt schon bei dem Satz: „Sie war splitternackt.“ Er beschreibt einen Zustand, aber nicht das Gefühl, das der Erzähler hatte, als er diese Frau plötzlich nackt im Garten sah. Das Wort „splitternackt“ wird zudem plakativ. Der Autor will die Gefühle im nächsten Satz nachliefern, begeht aber wieder den gleichen Fehler.

Wieder ist es ein plakativer Begriff, die in keiner Weise das ausdrückt, was die Person empfindet: „Er war wie vom Blitz getroffen.“ Diese Redensart steht normalerweise für einen emotionalen Zustand, in dem kein klares Denken mehr möglich ist: Der Blitz zerstört die Wahrnehmung, und man konzentriert sich auf das psychische Überleben. Ist das hier der Fall? Nein, offenbar nicht. Denn indem uns der Erzähler mitteilt, dass er völlig paralysiert vor der Nackten steht, wertet er den Zustand im nächsten Satz ab: Er war überrascht. „Überrascht sein“ ist sicherlich der korrektere Ausdruck, denn er hat nicht erwarten, die Nachbarin nackt zu sehen. Aber auch dieser Satz sagt nicht über seine Gefühle aus. Kombiniert mit „denn sie hatte einen wunderschönen Körper“ wird sein Zustand der Verwirrung erneut verflacht: „Ach, sie hat einen wunderschönen Körper.“ Ungefähr der Gedanke, der viele Männer befällt, wenn sie sich Aktfotos ansehen: „Guck, die hat einen schönen Körper.“

Wie ich schon sagte, greife ich ich den Autor damit nicht an. Er orientiert sich, wie so viele andere, an dem, was er gelernt hat: „Schreiben heißt erzählen.“

Wie würde diese Situation nun auf uns wirken, wenn wir „Show, don’t Tell“ verwenden würden und den „Passivmodus“ dabei auch verließen?


Ihr schöner Körper lag völlig nackt vor mir, und ihre Brüste hoben und senkten sich, während sie atmete. Ich war so überrascht, dass ich sie eine Weile anstarrte, bevor mir bewusst wurde, was ich da eigentlich tat. Erst dann lockerte sich mein Blick und ich sah, wie schön sie war. Eine reine, makellose Haut, wunderschöne Brüste … und schließlich der leicht geöffnete Schritt, um den sich feine blonde Schamhaare kräuselten.

Obgleich der Text erweitert wurde, ist er kürzer als der Originaltext (2), in den zahllose „Füllsätze“ eingebaut wurden, die für eine Kurzgeschichte nicht notwendig sind.

(1) Falls ihr die Original-Geschichte aufruft, aus der ich zitierte: Sie enthält mehrere Passagen, die eine ausgesprochen „direkte“ Sprache verwenden. Das ist übrigens auch eine Folge der Unsitte, Sätze aneinanderzureihen statt sich sich in die Situation der Figuren einzufühlen. Meine Warnung: Nicht am Arbeitsplatz lesen und möglichst gar nicht, wenn du Bedenken gegen „harte“ Sexszenen hast. Hier der Link zu Orion.
(2) Die zitierte Textpassage ist kürzer als der Absatz, aus dem sie stammt.

Das essenzielle Wissen für angehende Erotik-Autorinnen

Die Buchstaben werden zu Wörtern, die Wörter werden zu Sätzen, und die Sätze werden zur puren Lust
Mit diesem Artikel wende ich mich an alle diejenigen unter euch, die ganz bewusst Blümchensex (auch Vanille-Sex genannt) in ihre Romane, Novellen oder Kurzgeschichten einbauen wollen.

Ich gehe dabei davon aus, dass es sich bei deinem Werk um eine Art Liebesroman handelt, in dem Sex ein wichtiges Element darstellt. Der Moment, indem deine Figur die größtmögliche Erfüllung erlebt, ist zwar einer der Höhepunkte deines Werks, aber nicht das zentrale Thema.

Wie bei anderen Liebesthemen auch, steht im Vordergrund, auf welche Art und Weise ihre Heldinnen und Helden einander begegnen und wie sich ihre Liebe, ihre Lust oder ihr Verlangen entwickelt. Bei den meisten „Sex-Storys“ kommt dieser Bereich zu kurz, denn zumeist umkreisen die Menschen einander, bevor es zu intimen Begegnungen kommt. Ein wichtiges Spannungselement ist dabei, den Zeitpunkt der ersten „echten“ sexuellen Begegnung hinauszuschieben, besonders dann, wann deine Leserinnen und Leser schon etwas ungeduldig werden und meinen: „Jetzt muss es doch passieren.“

Körperliche Nähe vermitteln

Um Nähe zu deinen Figuren zu erzeugen, solltest du wenigstens all das ausführlich beschreiben, was „auf der Haut und unter der Haut“ passiert. Die Haut als „äußere Hülle“ bietet sich geradezu an, um sinnlich zu schreiben, ohne auf die Emotionen einzugehen. Ich sage dies, weil die meisten Autorinnen und Autoren selbst nach langjähriger Erfahrung mit erotischen Schriften nicht in der Lage sind, emotionale Gefühle plastisch zu beschreiben. Die Empfindungen, die auf der nackten Haut ausgelöst werden, sind hingegen wesentlich leichter in Worte zu fassen. Du musst nicht gleich an die Lippen oder gar Schamlippen, Penisse oder Hodensäcke denken – die Haut ist ein riesiges Körperorgan, das reichlich mit Nervenenden bestückt ist. Ein Thema, in das du die „Gefühle auf der Haut“ bestens einringen kannst, ist das Ausziehen oder das entkleidet Werden. Nehmen wir mal an, du (die Autorin) kannst die vorstellen, wie deine (oder seine, ihre) Hände beim Entkleiden über deinen Körper streichen, dann kannst du es auch schreiben. Falls du dich selber dabei schämst, kannst du auch deine Figur mit dieser Schamhaftigkeit ausstatten.

Je mehr Blümchensex, umso intimer solltest du werden

Besonders, wenn du über „Vanillesex“ schreibst, sollten du so intim werden, wie es dir möglich ist. Viele der heutigen Autorinnen weichen auf spektakuläre Themen wie S/M oder Fetische aus, weil es auf diesen Gebieten mehr Äußerliches zu beschreiben gibt. Doch sobald sie „intim“ werden, kann auch der oft belächelte abgetane Blümchensex sehr spektakulär werden.

Ich hoffe, dass dir der folgende Absatz nicht peinlich ist. Ich habe ihn deshalb in diesen Artikel aufgenommen, weil eine große Anzahl von Frauen im Internet bestätigte, dass sie sehr selten oder gar noch nie eine zutreffend erotische Schilderung über „ganz gewöhnlichen Sex“ gelesen hätten. Die Frage eines Mannes war: Wie fühlt sich der Penis aus der Sicht der Frau eigentlich in der Vagina an?

Aus dem interessantesten Beitrag (Netdoktor-Forum) zitiere ich hier einmal kurz:

Wenn ich auch eine der Frauen bin, die nicht unbedingt durch den Geschlechtsverkehr zum Orgasmus kommt, so fühlt es sich doch sehr, sehr aufregend an, wenn er ihn hineinschiebt. Manchmal scheint mir, ich fühle das bis in den Kopf hinauf ... Wenn er den ersten Stoß macht, dann fühle ich das bis hinauf in jene Region des Gesichtes, in der man spürt, dass man rot wird … Was mir ganz einfach auch noch daran gefällt, den Penis in der Vagina zu spüren, ist die Nähe, die in diesem Moment zu meinem Mann besteht.


Die Gefühle im Inneren - nicht nur in der Psyche

Diese kurze, sicherlich nicht literarische Schilderung zeigt, woran es mangelt: Die Zeit zwischen dem Auftauchen des Penis aus der umhüllenden Bekleidung bis zur vollständigen Versteifung kann bereits einige Seiten füllen. Zum Beispiel kannst du beschreiben, wie deine Figur den Penis sieht, wie sie ihn berührt oder gegebenenfalls stimuliert. Leider werden soclhe Abläufe oft nur mit einem einzigen Satz abgehandelt. Weitaus interessanter ist jedoch der Moment, indem sich der Körper deiner Heldin bereit macht, den Penis zu empfangen und wie sich „das anfühlt“ – nicht nur in der Vagina, sondern überhaupt. Besonders der Moment des Einführens wird ja noch bewusst wahrgenommen, selbst dann, wenn die Details später verfließen und in nicht beschreibbaren Gefühlen enden. Auch das „Abkühlen“ nach dem ersten Orgasmus und der wieder einsetzenden Lust kann ausführlich und sehr sinnlich beschrieben werden.

Weil Blümchensex so intim ist, liegen die Schamhürden oft hoch

Einer der möglichen Gründe, warum dieser Teil der Vanille-Erotik selten aufgearbeitet wird, könnte in der Scham liegen, sich diesem Thema zu widmen. Das gilt für die Penetration ebenso wie für Brust-, Hand- und Mundverkehr. Da hilft nur eines: lass deine Heldin von der Leine und überlass ihr, den Penis lieben zu lernen, auch wenn du es dir selbst nicht vorstellen kannst.

Distanziere dich niemals von deiner Figur

Schäme dich nicht für deine Figur - erröte über ihre Handlungen
Manchmal habe ich den Verdacht, dass sich Autorinnen heimlich von ihren Figuren distanzieren. „Weil ich nicht als Schlampe gelten möchte, soll meine Figur auch nicht in den Verdacht geraten“ könnte der Hintergrund-Gedanke sein. Diese Einstellung solltest du überwinden, weil sie nicht zum Schriftstellerberuf (oder zum Schriftstellerhobby) passt. Wer über „die Fremde“ schreibt, muss sich in ein Escort-Girl ebenso hineinversetzen können wie in eine zögerliche Jungfrau, in eine heterosexuelle Frau ebenso wie in eine bisexuelle Frau.

Die Grundlagen und Würzen des erotischen Romans

Ich fasse Ihnen all dies zusammen:

- Die Grundlage des erotischen Romans ist identisch mit der des Liebesromans: Wo und wie kamen beide zusammen, und wie kam es dann zu einer Liebesbeziehung?
- Beim erotischen Roman geht es vorrangig darum, die Erfüllung der Lust ausführlich zu beschreiben. Deine Leserin muss mental die Rolle ihrer Heldin einnehmen können – ob sie es nun ekelt oder anregt.
- „Innere Gefühle“ lassen sich bis zu einem gewissen Grad durch die Empfindungen bei der Berührung der Haut ersetzen.
- Geschlechtsverkehr, auch Hand- und Mundverkehr, ist ein sinnlicher Prozess, kein mechanischer Vorgang. Er wird von vielen, teils widersprüchlichen Empfindungen und Gedanken begleitet.
- Wenn du irgendetwas aus Scham vermeidest, kann deine Leserin weder den Genuss noch den Ekel noch das Schamgefühl selbst nachvollziehen. Du entziehst deiner Leserschaft damit eine wichtige Grundlage der Empfindungen deiner Heldin. Es ist allemal besser, die Lust und den Ekel deutlicher zu machen, um deine Leserin am Geschehen zu beteiligen.

Hinweis: Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form ursprünglich als 50. Beitrag zu den Themen des Sinnlichen Schreibens. Wir haben ihn nun an die erste Stelle gestellt, weil die meisten Autorinnen, die „gewöhnliche“ Liebesgeschichten schreiben, mit den Hinweisen zur „Erotisierung“ ihrer Texte am besten bedient sind.