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Verwechsle die Lehrerin nicht mit der Lektion

Verwechsle den Lehrer nicht mit der Lektion, das Ritual nicht mit der Leidenschaft, und den Überbringer des Symbols mit dem Symbol selbst.

Neil Gaiman, britischer Autor

Bei wem hast du erlernt, wirklich Lust zu bekommen? Und denkst du, dass deine „Lehrerin“, also ihre ganze Person, dies bewirkt hat? Oder war sie lediglich so versiert, dass sie dir die Lust von den Haarwurzeln bis in die Eichel getrieben hat?

Und – wann war das? Junge Männer sind ja – biologisch bedingt – zunächst mal nur darauf aus, dass sie ekstatische Ejakulationen erleben. Die meisten probieren es sowieso häufiger allein als mit einer Frau. Da kannst du kaum von Genuss reden.

Und mit einer Frau? Sie wird bereit sein müssen, etwas zu lehren … in der Hoffnung, etwas von dem, was du gelernt hast, zurückzubekommen. Wahrscheinlich wird sie entweder ausgesprochen gebildet und selbstbewusst gewesen sein, oder aber einfach von Sinneslust durchströmt und recht furchtlos im Umgang mit dem männlichen Körper.

War es ihre Person? Oder waren es ihre Worte, ihre Handlungen? Und spürst du ihre Hände, ihre Zunge oder ihre Brüste noch heute auf deiner Haut?

Deine Lehrerin war eine Person, die sicher noch anderes tat als dich zu einem gefühlsstarken, sinnlichen Genießer zu machen. Und das, woran du dich erinnerst, ist ihre Lektion.

Haben deine Figuren einvernehmlichen Sex?

Offensichtliche Übereinstimmung - oder doch nicht?
Schon lange, bevor es Diskussionen über einvernehmlichen Sex gab, gab es erotische Literatur. Man sprach die Worte „einvernehmlich“ oder „nicht einvernehmlich“ niemals aus, sondern schilderte die Situation, in der beide zusammenkamen. Dabei ergaben sich aus den Lüsten, Begierden, Ängsten und Zweifeln, aber auch aus besonderen Gelegenheiten zahllose Möglichkeiten, „es“ zu tun oder „es“ bleiben zu lassen. Der Klassiker ist eher harmlos: Zwei Personen sind auf Geschäftsreise, einsam und schon länger sexlos – da ergibt sich, dass der Hotelier nur noch über ein Doppelzimmer verfügt. Und schon beginnt das Spiel damit, die Möglichkeit der Nähe zu nutzen oder sie verstreichen zu lassen.

Sind Verführungen "einvernehmlich"?

Manche Zeitgenossen behaupten, Verführungen seien kein „einvernehmlicher“ Sex. Doch die Frage ist nicht, wer den letzten Impuls gab, die Kleider abzulegen und sich dem anderen anzubieten. Die Frage ist vielmehr: Welcher innere Konflikt zwischen Gelegenheit, Begierde und Furcht musste überwunden werden? Warum war die Situation so ungewöhnlich, und wie half die Verführerin oder der Verführer nach, um die letzten Ängste zu überwinden? Und warum willigten am Ende doch beide ein?

Illegaler Sex, leicht pervers angehauchte Praktiken

Zumeist geht es dabei nicht nur um die kleine Hürde, ob sich jemand dem anderen intim nähern sollte. Meist ist noch eine weitere Hürde zu überwinden: Die Sache hat einen Geschmack der Perversion oder Illegalität, des Ehebruchs oder der Unanständigkeit. Oder wie Elisabeth Benedict schreibt:

Gefühle der Hochstimmung, Befreiung, der Widerstände oder Erleichterung … (es endlich getan zu haben) … können von Schuldgefühlen begleitet sein.


Wir können sagen: Einvernehmlich ist vom Anfang bis zum Ende einvernehmlich, in jeder einzelnen Handlung und in allen Ergebnissen inklusive der Nachwirkungen. Einvernehmlichkeit kennt keine Reue.

Ganz einvernehmlich - völlig langweilig?

Aber mal Hand aus Herz - ist das eine Idee für eine spannende und erregende erotische Geschichte?

Wahrscheinlich nicht. Schon die Realität belehrt uns: Die grundsätzliche Einwilligung bedeutet nicht, dass der Partner „Carte blanche“ für alle sexuellen Aktivitäten hat. Immer wieder ergeben sich dabei Fragen, die sich die Teilnehmer im Inneren stellen, aber nicht an den Partner - und manchmal lassen sie etwas zu, was ihnen eigentlich widerstrebt. Hinzu kommt noch, dass der berühmte „freie Wille“ unter der Wirkung der körpereigenen, drogenähnlichen Botenstoffe von der Natur manipuliert wird. Das heißt, der Bewusstseinszustand vor dem Sex ist nicht der gleiche, wie während der sexuellen Aktivitäten, und beim Abklingen der Drogenweinwirkung kann, durchaus Scham über das auftreten, was man getan hat.

Doch während wir als real existierende Liebende nicht jede Phase und jede Facette solcher Vorgänge beschreiben können, kann es eine Autorin für ihre Figur tun. Um es mal einfacher zu sagen: Der ganze Weg von „das tut eine anständige Frau nicht“ über „ich lasse mich treiben und tue es dennoch“ bis hin zu „eigentlich schäme ich mich jetzt dafür“ lässt sich detailliert beschreiben und in Bilder wandeln.

Mehr oder weniger Einvernehmlichkeit?

Natürlich kannst du dahinter zurückbleiben oder noch weiter gehen. Du kannst fragen, wann überhaupt „Konsens“ gegeben ist. Muss, wie wir jüngst lasen, jeder einzelnen Aktivität zugestimmt werden, und wie detailliert muss diese Zustimmung sein? Ist ein „Ja“ nur etwas Wert, wenn genau beschrieben wird, wer mit was wohin eindringen darf? Wie spontan können Liebende sein? Und wie wird ein „stilles Einverständnis“ erzeugt? Was, wenn einer der Partner plötzlich sein Einverständnis widerruft? Oder müssen Paare gar Scripts erarbeite, wie die Abfolge der sexuellen Aktivitäten aussehen soll? Und wie geht die Person damit um, wenn sie schweigend zustimmend, aber dennoch gegen ihren Willen gehandelt hat?

Erotische Literatur ist nicht dazu da, Leser aufzugeilen. Sie soll auch Fragen stellen und sie – wenn möglich kontrovers – beantworten.

Übrigens haben wir die „typische“ Noncom-Literatur noch nicht einmal erwähnt – es wird an der Zeit, sie einmal gründlich zu untersuchen. „Noncom (1)“ heißt: Nicht einvernehmlich. Ob wir uns aufs Glatteis wagen sollten? Besser, wir tun es nicht.

Zitat: "Erotik Schreiben", New York 2002.
(1) Erklärungen zu "Noncom" und anderen Begriffen.
Bild: Buchillustration.

Ist Ethik in der erotischen Literatur scheißegal?

Wer von Literatur redet, der meint das geschriebene Wort. Indem wir es niederschreiben, definieren wir nicht nur unser eigenes Universum, wir versuchen auch, in die Universen unserer Leser(innen) einzudringen.

Wie gehen wir dabei mit „Geschlecht und Identität“ um? Schludrig? Verantwortlich? Oder sagen wir uns einfach: „Lasst mich bitte in Ruhe mit dem Ethikkrempel, ich will meine Leser(innen) unterhalten?

Ich interessiere mich wahrhaftig für eure Antworten.

Es wäre gut, auch diesen Artikel zu lesen.

Gebunden sein zwischen "Tu es!" und "Wehe, du tust es!"

Widersprüche zwischen Lüsten, Normen und Verhaltensweisen
Ein altes Thema holte mich dieser Tage wieder ein: Doppelbindung. Wer das googlen sollte, wird schneller verwirrt, als dass er korrekte Information bekommen würde.

Tu es, aber wehe du beginnst wirklich damit

Sagen wir’s mal so: Wenn du etwas tun sollst, aber es eigentlich lieber lassen solltest, dann sitzt du in der Klemme. Da sagt die Mutter zur Tochter: „Gehe endlich mal deine eigenen Wege und spiel nicht dauernd mit dem Handy herum – aber wehe, du lässt dich da draußen auf Männer ein.“ Das ist eine häufige Version des alten Themas: „Tu endlich etwas – aber wehe, es hat Konsequenzen“.

Bei Dates ist die Methode „Doppelbindung“ beliebt

Bei Dates wird häufig eine Methode angewendet, die aus einem inneren Konflikt einen äußeren macht. Die Frau hat sich mit viel Mühe die Zeit für ein Date erkämpft, war beim Friseur und bei der Kosmetikerin, hat sich sexy Wäsche als letzte Hülle besorgt und zeigt mit jeder Faser, dass sie erwartet, verführt zu werden. Sagt ihr in Aussicht genommener Lover aber zu früh: „Komm lass uns zu mir gehen, du hast doch nichts anderes vor?“, wird sie vielleicht antworten: „Hältst du mich für eine Schlampe, die gleich mit jedem mitgeht?“

Ein sehr populäres Beispiel aus jüngster Zeit: Sie gilt als emanzipiert und ist auffällig feministisch orientiert. Er fragt politisch korrekt, ob er sie küssen darf. Sie sagt: „Mann, was bist du für ein Schlappschwanz … wenn du so fragst, kannst du gleich in den Wind schießen!“

Bindung an Begierde und Bedenken zugleich

Die Doppelbindung ist also eigentlich keine „Doppelte Bindung“, sondern eine Bindung an zwei Teile eines offenkundigen Widerspruchs, so wie im Schlager „Komm“ (1):

Sie denken sicher weiß Gott was,
weil ich Sie eingeladen hab’,
und Sie sind jetzt mit mir allein!

Vielleicht ist’s besser, dass Sie geh’n,
Sie glauben sonst wohlmöglich noch,
das ist so üblich hier bei mir.


Vielleicht hat der Schlagertext euch den letzten Kick gegeben, um den Widerspruch zu verstehen. „Verführ mich um Himmel willen endlich, aber glaub ja nicht, dass ich die Absicht dazu hatte.“

Doppelte Bindungen im erotischen Roman

Im erotischen Roman kannst du diesen Umstand jederzeit verwenden, und viele Autorinnen tun es auch schon. Dabei kannst du von verschiedenen Widersprüchen ausgehen:

1. Was sie sagt, passt nicht zu ihrer Körperhaltung. Üblicherweise sagt sie, dass sie keinen Sex will, kann aber die Beine nicht zusammenhalten und ihre Augen strahlen Bedürftigkeit aus.
2. Das Gegenteil: Sie sagt etwas sehr Sinnliches. Ihre Körperhaltung ist dabei aber steif und unnahbar.
3. Sie weist ihn ab, als er sie küssen will. Als er sie später fragt, ob er sie küssen darf, sagt sie: „So geht es schon gar nicht.“
4. Ihre Kleidung passt nicht zu ihrem Anliegen. Sie wünscht, dass er ihr Buch beurteilt, aber sie ist so aufregend angezogen, dass er völlig abgelenkt wird.

Umsetzung des Widerspruchs

Die Widersprüche können deiner Figur bewusst sein oder auch nicht – sie können aber auch ein Trick sein, um die Partner(innen) zu täuschen. Oder sie können Teil eines verborgenen psychischen Problems sein, dass durch eine Provokation gelöst werden soll oder eben auch zufällig gelöst wird.

Ein Beispiel aus einem Roman – die Entlarvung

In einem sehr erotischen Roman (2), der in Deutschland kaum bekannt ist, entlarvt die lesbische Verführerin ihre unschlüssige Partnerin, in dem sie die Widersprüchlichkeit aufdeckt:

Du bewegst jedenfalls deinen Bürzel wie ein Mäuschen vom Kabarett mit dem kleinen Fummel zwischen den Beinen, ohne den kleinsten Hintergedanken … oder? Aber es gibt einen Unterschied zwischen der Art, wie du dienen Hintern bewegst und dem, was dein verführerisches Mündchen hervorbringt.


Entsprechen geht es weiter. Nach und nach verliert sich die Fassade, und die Verführerin wird noch deutlicher:

Du bist eine heilige Kokotte. Du liebst es, wenn man dir in den Schritt schielt, und dabei tust du so, als ob du es gar nicht bemerkst.


Andere Möglichkeiten

Die „Entlarvung“ ist nicht unbedingt nötig, macht sich als Stilmittel aber gut, weil nun die Fassade bröckelt und die zur Schau getragene Schicht (in diesem Fall der heterosexuellen, distanzierten Journalistin) ganz von der Person abfällt.

Wichtiger ist, die Gegensätze, an die deine Figur innerlich gebunden ist, deutlich zu machen. Die naturgegebene Wollust gegen die gesellschaftliche Konvention, die Furcht vor Entlarvungen gegen die Begierde, die religiöse Bindung gegen den liberalen Anspruch. Das „warnende Mäuschen hinter dem Ohr“ gegen den Anspruch auf eigenständige Lüste. Es mögen nicht alles wirkliche „Doppelbindungen“ sein – immerhin aber es sind bekannte Konflikte, die „an die Nieren gehen“, und sie quälen deshalb die Figuren erotischer Romane immer wieder.

(1) Gerog Kreisler, gesungen von Topsy Küppers)
(2) Fuchsia (Autorin Anne Félix)
Bild: Carouchet, Teilansicht (1904) in: La Flagellation à travers le monde

Der Mann, der sich nicht traut

Verführt ... wozu?
Die meisten Männer reagieren eigenartig, wenn eine Frau verführt – zumal, wenn es sich sich um eine Frau mit viel Erfahrung handelt, die weiß, wie man Männer „in etwas hineinziehen“ kann. Und was passiert, wenn ein scheuer, heterosexueller, an Blümchensex gewohnter Mann an eine solche Frau gerät?

Starke Frauen: Flüchten oder standhalten?

In der Realität ist’s wie im Roman: Er hat zwei Möglichkeiten: Flüchten oder Standhalten. Flüchtet er, ist er aus der „Gefahrenzone“ heraus. Keine ungewöhnlichen Gefühle, keine ungewöhnlichen Begierden, kein eigenartiger Geschmack auf der Zunge. Entweder aktiven Blümchensex, schon frivol, schon ekstatisch – aber eben Standard: Er küsst sie hier, er küsst sie dort, sie zieht sich aus, sie ermuntert ihn ein wenig, und dann ist’s PiV (1), nicht Paff und nicht Puff.

Hält er stand – nun, dann kann er entweder etwas lernen, etwas leiden lernen oder die Macht erspüren, die Frauen haben, wenn sie wollen. Und daran kann er über sich hinauswachsen oder daran zugrunde gehen. Und ich denke, genau da wollt ihr als Autorinnen hin – denn das ist wahrhaftig am interessantesten.

Neulich als ich eine recht interessante Geschichte über eine „späte Flucht“. Der Mann hat Zweifel, weiß nicht, worauf sie genau hinauswill. Er wäre auch bereit, den nächsten Schritt zu vollziehen, aber etwas hält ihn zurück. Oder soll sie ihn wirklich erst auffordern, sich auszuziehen?

Es handelt sich um eine Nacherzählung aus dem Ausland. (2) Der Vorfall soll sich in ähnlicher Weise tatsächlich ereignet haben.

Er ist ein wenig ängstlich, scheint sich nicht zu trauen. Also frag ich ihn, ob ich ihn küssen darf. Er strahlt, also fange ich an. Bei einem neuen Lover gehe ich mit der Zunge auf Entdeckungsreise, reize ihn mehr und mehr und erfühle seine Reaktionen. Er wehrt sich gegen nichts, ist offen dafür, dass ich ihn dabei ziemlich geil mache.

Oh – etwas hat sich jetzt verändert. Er will nicht mehr reden, nur noch küssen. Ich gönne ihm noch ein paar Lustküsse, dann nehme ich seine Zunge und beiße ein wenig hinein - sanft, aber fühlbar. Er zuckt ein wenig, lächelt.

„Hab ich dich erschreckt?“
„Ein bisschen, ja.“

Er kommt mir näher, versucht, sich an meinen Körper zu schmiegen. Sanft, zurückhaltend. Ich soll nicht merken, wie geil er schon ist. Manche Männer haben gelernt, dass man besser verbirgt, was da hervorquillt – aber Nähe will er eben doch.

Ich frag ihn, ob er ein Schmuser ist. Er sagt „Nein“, nicht wirklich. Klar ist er einer. Er will sich in den Sex hineinschmusen. Romantiker, eigentlich ganz nett, mal damit zu spielen.

Na schön, es gibt mehr Küsse, viel mehr. Gar nicht schlecht. Ich drücke ihn gegen mich, will wissen, wie geil er inzwischen ist. Na klar ist er scharf, bockscharf.

Ich denke, dass er weiß, was er jetzt zu tun hat. Die Sachen passieren im Untergeschoss, nicht im ersten Stock.


An dieser Stelle verlasse ich das Fragment dieser Geschichte. Es ist der Versuch einer Frau, die viel mehr bietet und viel mehr erwartet, und eines Mannes, der gelernt hat, sich zurückzuhalten und seine Geilheit auch nicht erfühlen zu lassen. Wie sie in Wahrheit ausgehen mag, weiß ich nicht, aber die Fantasie setzt keine Grenzen.

Der schüchterne Mann, der zum Küssen aufgefordert werden muss und der sich wünscht, dass man ihm ins Ohr flüstert: „Wenn du dich ausziehen würdest, könnte ich viel mehr von dir spüren“, kommt tatsächlich noch selten vor in der erotischen Literatur. Und je weniger plakativ die Verführung ausfällt, umso erfrischender und überraschender sind die Effekte.

Das Thema: „Ich verführe den schüchternen Mann erst sanft und mache ihn dann zum Werkzeug meiner geheimen Lüste“ steht auf einem anderen Blatt. Es ist sicher ebenfalls ein geeignetes Libretto für eine furiose Opernaufführung geheimer Lüste.

(1) PiV - Penis in Vagina, Slangausdruck aus den USA.
(2) Nacherzählung, Anreicherung und Übersetzung: Isidora.
Bild: Ca. 1840, Buchillustration, Ausschnitt, koloriert und retuschiert.