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Wenn du eine Story über Dominanz schreiben willst …

Seit Jahren die alte Thematik ... udn doch immer neu
Ich beginne normalerweise nicht mit einem Zitat (1), aber in diesem Fall will ich es tun.

Was diese hoch spezialisierten Treffpunkte eint, von einem dunklen S/M-Verlies bis zum Schönheitssalon für Transvestiten, ist die Vorliebe für das Rollenspiel. Hier wandelt sich die Sex-Branche in ein Theater.


Die sexuelle Abweichung, die Dominanz und das Theater im Kopf

Es ist gut, en Gedanken eines Bühnenstücks oder einer Aufführung im Kopf zu behalten – gleich, über welche Art der sexuellen „Abweichungen“ du schreiben willst. Die Sichtweise hat den Vorteil, dass du dich zurücklehnen und entspannen kannst, wenn auf deiner Bühne ein Mensch Lust und Schmerz im Wechsel oder auch manchmal zugleich durchlebt, während ein anderer dafür sorgt, dass die Show problemlos und konsequent abläuft. Du kannst natürlich auch intensiv mitfühlen. Aber immerhin: Es steht dir frei, die Szene aus jeder beliebigen Perspektive zu beleuchten.

Drei Szenarien, die häufig genannt werden

Generell gibt es drei Szenarien, die sich deutlich voneinander unterscheiden:

1. Die professionelle Herangehensweise: Die Person „A“ (Klient) bezahlt dafür, dass die Person „B“ (Fachkraft) die Prozeduren nach nach festgelegten Regeln ausführt.
2. Die zufällige Begegnung: Die Person „A“ (naiv, aber offen) lässt sich darauf ein, dass die Person „B“ (Enthusiast) sie nach recht flexiblen Regeln in allerlei „sexuelle Abweichungen“ einführt.
3. Der Wunsch eines Ehepartners, der andere möge sie/ihn im Rollenspiel dominieren.

Es gibt andere Szenarien – sie sind aber entweder deutlich unglaubwürdiger als die genannten, oder sie gleiten in ein Milieu ab, in dem kriminelle Machenschaften die Freiheit einer Person nachhaltig beschneiden. Daran sollte sich nur versuchen, wer ganz bewusst für die einschlägige Szene schreibt und weiß, was dort gefordert wird.

Spektakulär - Lebenshunger trifft auf Verführungskunst

Die spektakulärsten Geschichten entstehen aus der Situation, die ich unter (2) geschildert habe. Dabei tritt eine Person als neugierige, lebenshungrige und recht naive Person auf, während die andere über Erfahrung, Ideenreichtum und Verführungskunst setzt. Üblicherweise wird nach der „Salamitaktik“ verführt, also scheibchenweisen, wobei nach und nach immer „größere Stücke“ von der Salami gefordert und geschenkt werden. Mit anderen Worten: Mit jeder vollzogenen „Perversion“ wird die Rückkehr zur Normalität schwieriger. Das Thema wird sowohl literarisch verbrämt (9 ½ Wochen. SoG, Secretary) behandelt, wie auch pornografisch aufbereitet. Doch im Grunde verbietet es sich, das Thema ausschließlich pornografisch zu behandeln, denn dadurch entstehen zumeist nur die üblichen „Anreihungen anzüglicher Ereignisse“. Eine typische Leserin will aber vom Thema fortgetragen werden und mit deiner Figur – sei sie „oben“ oder „unten“ – mitfühlen oder mitleiden.

Die Recherche ist nicht leicht - aber historsiche Romane geben viel her

Das Schwierigste am Thema ist die Recherche – und dies, obgleich sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bestenfalls das Umfeld geändert hat, aber kaum die psychische und physische Raffinesse. Die Hauptkomponenten, also Grenzüberschreitungen, fetischistische Handlungen, Entwürdigungen, Körperstrafen. Geschlechterverwirrungen und daraus folgend gleichgeschlechtliche Lüste sind heute wie gestern die Hauptkomponenten. Die Literatur bietet dafür hinreichend plausible Beispiele.

Herantasten an das Undenkbare

Ihr könnt auch versuchen, wahre Geschichten zu finden, eigene Versuche mit Freundinnen und Freunden zu unternehmen oder euch an die Lüste und Schmerzen durch Beispiele anderer Art herantasten, die nicht-erotischer Natur waren. (Zum Beispiel psychische, soziale und körperliche Grenzerfahrungen).

Nur ein solltet ihr meiden: Videos darüber anzuschauen. Sie geben nicht nur ein falsches Bild, sondern sind fast immer auch „auf das äußerliche“ (Schläge, Tritte, Striemen und schmerzverzerrte Gesichter) ausgerichtet. In Wahrheit beginnt und endet das, was du eigentlich beschreiben willst, im Gehirn, dort, wo die Gefühle zusammenlaufen, sich ineinander verschlingen und wieder aufgelöst werden.


(1) "Red Light", New York, 1996
Bild: Historischer Buchtitel, ca. 1920, vereinfacht

Was ist ein Flagellationsroman?

Das Sinnliche wurde in Illustrationen durchaus betont
Eigentlich gibt es dieses Genre gar nicht. Aber derartige Romane sind so verbreitet, dass sich die Bezeichnung wirklich lohnen würde. In der Literatur finden wir zwei merkwürdige Anmerkungen:

Die Flagellationsromane, vorzüglich aus England, Österreich und Ungarn, waren schon vor 1914 Legion, die „Süße Kleine Reitpeitsche“ von Lola Montez längst Symbol einer Weiberherrschaft sui generis. (1,2)

Oder:
Die außerordentliche Konjunktur der Flagellationsromane ab 1880 ist der schlagendste Beweis dafür, dass es sich beim Masochismus um ein epochenspezifisches Sozialprodukt handelt. (3)


Hervorgehoben werden in der „seriösen“ Kritik als Flagellationsromane allerdings nur zwei Werke: einmal die sattsam bekannte „Venus im Pelz“ (Sacher-Masoch) und dann „The Mysteries of Verbena House“ (George Augustus Sala).

Doch nun zum Thema: Was zeichnet einen Flagellationsroman aus?

Das Thema Herrin und Zofe wurde oft behandelt
Nach der Definition erotischer Romane handeln sie immer von der „Sexualität und noch etwas Anderem“. Doch dieses besondere Genre handelt in Wahrheit von dreierlei: der Lust, dem Schmerz und noch etwas Anderem. Das „Andere“ hat meist mit „“Entwicklung“, „Zucht“ oder „Erziehung“ zu tun – und allein deshalb spielen viele dieser Romane in Internaten, Erziehungseinrichtungen, Besserungsanstalten oder im Umfeld von bei Privat-Erzieherinnen. Hinzu kommen Geheimgesellschaften mit esoterischem, religiösen oder schmerzbetontem Hintergrund. Dem Wort entsprechend werden dabei „Flagellationen“ (meist mild beginnende und sich später steigernde) Auspeitschungen, Rohrstock- oder Rutenschläge zelebriert. Der Großteil davon wird als „erotische Strafe“ verabreicht..

Beispiele aus der erotischen Literatur

Der schon häufiger erwähnte Roman „Gynecocracy“ beispielsweise handelt von fehlender sexueller Aufklärung, aufkeimender Sexualität, Geschlechtsverwirrungen, erotischen Experimenten und Schlägen im Haus einer Gouvernante. "Die Kallipygen" ist ein durch und durch flagellantischer Roman, in dem einige vornehme Damen sich am Schlagen ihrer Bediensteten ergötzen – er wäre deshalb eher als Flagellationsroman zu bezeichnen, weil dies sein nahezu ausschließliches Thema ist.

Solltest du das Thema aufgreifen?

Das erotische Schlagen weiblicher und männlicher Hinterteile hat an Attraktion eingebüßt. Das hat viele Gründe:

1. Einen Menschen zu entblößen oder entblößt zu sehen, war in der Viktorianischen Zeit in England, aber durchaus auch noch in den 1950er Jahren in Deutschland, eine Attraktion besonderer Art. Das galt besonders, wenn es vor Publikum (anderen Zöglingen, Zuschauern) geschah.
2. Sowohl die häusliche wie auch die schulische Erziehung bestand zu einem Teil aus Körperstrafe, an die man sich ungerne, aber dennoch teilweise erregt erinnerte. Diese Intimkenntnisse fehlten späteren Generationen.
3. Bei modernen Menschen erzeugt der Gedanke an das Schlagen zwiespältige Gefühle, weil es als „sozial inkorrekt“ gilt. Das bedeutete: Die Menschen schämen sich nicht mehr, entblößt und geschlagen zu werden, sondern bei dem Gedanken, jemanden zu schlagen.
4. Dem sadistisch geprägten Menschen ist es nicht genug, den Hintern sinnlich mit der Hand zu bearbeiten – er will Blut, Schweiß und Tränen sehen, was zu völlig neuen Formen des erotischen Romans führen wird.
5. Der Masochist will hingegen das tief greifende sinnliche Gefühl echter Schläge durch die Sprache vermittelt bekommen – das fällt außerordentliche schwer.

Das heißt aber nicht, dass eine sinnliche Schilderung solcher Vorgänge auch heute noch lustvolle Gefühle erzeugen und ebensolche Fantasien beflügeln kann, wie die SoG (Shades of Grey) beweisen.

Der Flagellationsroman heute

Was den Autoren heute hilft, ist die Tendenz, Rollenspiele als erotische Abenteuer zu zelebrieren. Dazu gehören auch Demütigungen und Schläge, wenn sie ins Rollenspiel passen.

Die meisten Autorinnen und Kritikerinnen sind sich einig: Dominanz und Unterwerfung sind – mit oder ohne Hiebe – weiterhin absolut sinnliche Themen und sind sie nicht auf devote Frauen und dominante Männer beschränkt. Wer diesen Irrtum überwindet, hat eine Fülle von neuen, sinnlichen Themen gefunden. Beispielsweise die Architektin, die ihren Mann sowohl durch Muschi- wie durch Peitschenmacht dominiert, die Künstlerin, die in intimer Wohngemeinschaft mit ihrer „Lustzofe“ lebt, oder auch ganz klassisch der Meister-Macho, der von sinnlichen und lustvollen jungen Frauen belagert wird, damit er sie unter seinen „Obhut“ nimmt. Alle drei geschilderten Situationen gibt es in der Realität – aber als Märchen wirken sie natürlich noch viel hübscher.

(1) Bea Lundt, ‎Michael Salewski, ‎Heiner Timmermann - Frauen in Europa: Mythos und Realität.
(2) Übersetzung: "Waren Legion" heißt "kamen zahlreich vor", "Lola Montez" - erotische Person der Zeitgeschichte, keine Autorin. "sui generis" - "von ganz besonderer Art."
(3) Häufig verwendetes Zitat von Albrecht Koschorke - leider eine höchst fragwürdige Aussage.
Titelbild: "Das infantile Erlebnis" - Helga Bode zugeschrieben
Bild seitlich: Buchillustration, Anonym, Frankreich 1938

Weiberherrschaft – ein Meisterwerk der Viktorianischen Erotik

Symbolische Unterwerfung - Korsett und Frauenkleider
In der Viktorianische Ära (1837 bis 1901), wahrscheinlich sogar bis zum Ersten Weltkrieg, schien das Vereinigte Königreich eine Oase des Konservativismus zu sein. Aber gerade in dieser Zeit wuchs unter der Fassade des aufrechten Bürgertums eine ungeheure sexuelle Begierde, die als „erste sexuelle Revolution“ in die Geschichte einging. Und sie spülte allerlei hervor, was sich im konservativen England kaum vorstellen konnte: außerehelicher Geschlechtsverkehr, Flagellationsbordelle, diverse Arten von Prostitution, gleichgeschlechtliche Beziehungen und alle Arten von Geschlechtsverwirrungen.


Begonnen hatte diese Entwicklung in englischsprachigen Ländern bereits gegen Ende des 18.Jahrhunderts begonnen: Zitat (1)

Im späten 18. Jahrhundert entwickelte sich ein reger Handel mit englischer Erotik. Obgleich die Veröffentlichung von Pornografie immer noch illegal war, war sie doch sehr verbreitet. Nun war es auch für Schulmädchen und ländliche Geistliche möglich, kommerziell produzierte erotische Bücher und Illustrationen von nackten Männern und Frauen in fleischlichen Verbindungen mit anderen zu erwerben, und dies in unterschiedlichen Situationen: stehend, liegend, sitzend.


Die erotische Weiberherrschaft

Die erste vollständige deutsche Ausgabe - Privatdruck
Etwa 100 Jahre später erschienen dann Abhandlungen über "sexuelle Abweichungen". Genau in diese Zeit fällt fällt der dreiteilige Roman „Weiberherrschaft“. Um ihn zu verstehen, muss man die Gesellschaftsordnung jener Zeit begreifen: Erotik und Gesellschaftssatire gingen oft eine Verbindung ein, und so ist es auch im vorliegenden dreiteiligen Buch. Der adlige Held wird nach einem peinlichen häuslichen Vorfall einer strengen Gouvernante übergeben, die ihm zum Wohlanstand zurückbringen soll. Ihr Name ist Mademoiselle Hortense de Chambonnard, und sie weiß sehr genau, was sie mit aufsässigen, neugierigen, aber sexuell unerfahrenen jungen Männern tun kann: Frustrieren, Abwerten, Peitschen und Feminisieren einerseits. Und anderseits, sie zu verführen, sie geschlechtlich zu verwirren und mit ihnen die körperliche Liebe auf beiderlei Art zu vollziehen: als Mann und als Frau.

Das Buch - Naivität, sexuelle Neugierde, Geschlechterverwirrung, Flagellation

Es war nicht das erste Werk, das sich der erotischen Flagellation bediente – kurz zuvor (1870) hatte Ritter von Sacher-Masoch sein Buch „Venus im Pelz“ veröffentlicht, und kurz danach hatte Krafft-Ebing (1886) den Autorennamen benutzt, um den Begriff „Masochismus“ in die Welt zu setzen. Das Buch Gynecocracy (Weiberherrschaft) wurde 1893 veröffentlicht (2) – das genaue Erscheinungsdatum ist allerdings nicht eindeutig belegt, da erotische Romane jener Zeit bewusst mit falschen Erscheinungsdaten und unter falschen Verlagsnamen in den Verkehr gebracht wurden. Behauptet wird, es sei von Leonhard Smithers (3) verlegt worden und sei im Buchhandel von Robson & Kerslake (4) erhältlich gewesen. Beide Behauptungen sind sehr wahrscheinlich korrekt, da alle genanten Firmen tatsächlich existierten und für Erotika bekannt waren. Zu erwähnen wäre noch, dass sich die Menschen der damaligen Zeit auf für psychische Phänomene zu interessieren begannen, von der Siegmund Freude erstmals 1896 sprach.

Der Autor - oder waren es gar mehrere?

Das Buch soll 1893 geschrieben und verlegt worden sein. Als Autor gilt der englische Anwalt Stanislas Matthew de Rhodes (2) (1857-1932). Seine Autorenschaft ist zwar nicht unumstritten, jedoch kann man davon ausgehen, dass die drei Bände des Romans von einem intelligenten Menschen mit überschäumender Fantasie und einem Schuss bittere Satire geschrieben wurden. Das deutet wieder auf einen Kreis von gleichgesinnten hin, der ebenfalls typisch für die viktorianische Epoche war, von der wir reden. Um diese Zeit waren Versammlungen von Männern, die gemeinsam tranken, sich an nackten Tänzerinnen ergötzten und erotische Literatur lasen schon sehr etabliert. (3). All diese Männer waren angesehen Bürger und größtenteils Intellektuelle. Es ist möglich, dass Stanislas Matthew de Rhodes das Buch nicht alleine schrieb – darauf deuten stilistische Unterschiede in den drei Teilen hin, wie einige der Herausgeber (2) hervorgehoben haben. Das Kernstück, das die höchste literarische Qualität beinhaltet, ist ohne Zweifel der erste Teil der Trilogie. Der ursprüngliche Titel lautete:

Gynecocracy: A Narrative of the Adventures and Psychological Experiences of Julian Robinson (afterwards Viscount Ladywood) Under Petticoat-Rule, Written by Himself.


Der Autor spelt mit der Geschlechtlichkeit

Der Autor spielt vor allem damit, Geschlechtlichkeit nicht als etwas Gegebenes zu betrachten, sondern als Ausdruck des Verhaltens, der Gesten, der Bekleidung und dergleichen. Wenn der Held von Mademoiselle zu sexuellen Handlungen verführt wird, darf er ein Mann sein, wird er von der Zufallsbekanntschaft Fräulein Stormont verführt, so wir verbal suggeriert, hier fände ein Inzest statt. Und wenn Lord Alfred ihn verführt, werden Anklänge an Homosexualität deutlich, die freilich ebenso willkürlich sind: In Wahrheit ist der „Lord“ eine verkleidete Lady. Hinzu kommen noch erotische Wünsche an und von drei Cousinen (Maud, Beatrice und Agnes) sowie einige strenge Bestrafungen durch die Zofe von Mademoiselle, Elise. Die Titelbilder der Romane täuschen oftmals über den Inhalt, und wer ein sinnliches Werk ohne Homoerotik, skurrile Beziehungen oder Flagellation sucht, sollte es meiden.

Vielleicht kann man sich vorstellen, was in diesem Druckkessel der befremdlichen Erotik alles möglich ist, und in der Tat zieht der Autor alle Register des Sinnlichen, Heftigen und Ungebührlichen … jedenfalls verglichen mit dem, was in in ehelichen Schlafzimmern passierte.

Ausgaben in Deutschland

In Deutschland erschien das Werk angeblich bereits 1906, jedoch ist eine Ausgabe von 1909 bekannter. Man verwendete den Originaltitel, in dem man lediglich den in Deutschland unbekannten Begriff „Under Petticoat-Rule“ (unter der Herrschaft des Rockes) in „unter dem Pantoffel“ ersetzte.

Weiberherrschaft. Die Geschichte der körperlichen und der seelischen Erlebnisse des Julian Robinson nachmaligen Viscount Ladywood. Von ihm aufgezeichnet zu einer Zeit wo er unter dem Pantoffel stand.


Die Ausgabe in der Übersetzung von Erich von Berini-Bell erschien dreibändig und mit Illustrationen versehen 1909 in Leipzig als Privatdruck. Sie wurde als „erste vollständige Übersetzung aus dem Englischen und in gleicher Weise aber auch als „Originalausgabe“ bezeichnet. In einigen der Neuauflagen wird auf die Original-Übersetzung verwiesen, während andere behaupten, überarbeitete Versionen der Übersetzung zu verwenden.

Viele Ausgaben in deutscher Sprache - und immer wieder Indizierungen

Ich bin weit davon entfernt, alle Ausgaben zu kennen. Die erste Neuauflage der Übersetzung von 1909 erschien im Jahr 1969 und wurde wurde offenbar sofort indiziert. Sehr bekannt wurde eine Ausgabe der Heyne EXQUISIT BÜCHER aus dem Jahre 1973, das 288 Seiten stark war und offenbar bis 1979 in siebter Auflage im Handel war. Andere bekannte Ausgaben sind die von Moewig/Playboy (1982) als Gesamtwerk (253 Seiten) und 1991 von Ullstein, wo alle drei Bände separat erschienen. Warum einzelne Ausgaben indiziert wurden und andere nicht, ist mir unbekannt.

Merkwürdigerweise werden in nahezu allen Neuauflagen keine Übersetzer genannt, obgleich die mir bekannten Übersetzungen des Originals recht gut gelungen sind. Es mag sein, dass Änderungen in manchen Ausgaben dazu dienen sollten, der Zensur zu entgehen, denn alle drei Bände, wie auch das Gesamtwerk wurde mehrfach indiziert 5). Die recht detaillierten Beschreibungen der erotischen Vorgänge sprechen jedoch dafür, dass keine Überarbeitung so „weich gespült“ werden konnte, dass sie den Kriterien der Moralwächter entsprach.

Im Grunde ein zeitgeschichtliches Dokument mit überhitzter Erotik

Das Werk sollte heute als zeitgeschichtliches Dokument gelten. Es mag erotisch überhitzten Hirnen entstammen, aber es ist dennoch – oder gerade deswegen - ein Zeitdokument. Und es wurde so oft kopiert (6) und umgeschrieben wie kaum ein anderes erotisches Werk - sogar vom mutmaßlichen Schöpfer selbst, der als „M. Le Comte Du Bouleau“ 1898 die Novelle „The Petticoat Dominant“ schrieb.

Quellen:

(1) The Origins of Sex, London 2012, Seite 348.
(2) Gynecocracy, Neuauflage des Originals, erschienen 2011, Vorwort.
(3) The Origins of Sex, London 2012, Seite 344.
(3)Leonhard Smithers. https://en.wikipedia.org/wiki/Leonard_Smithers
(4) Robson & Kerslake waren bekannt dafür, erotische Übersetzungen und Originalwerke zu vertreiben.
Weitere Erwähnungen in: Clandestine Erotic Fiction in English 1800–1930: A Bibliographical Study by Peter Mendes
(5) Erich von Berini-Bell, Weiberherrschaft, indiziert 1969
(6) z.B. Don Brennus Aléra: Fred / Frederique
Der Urheber des Titelbilds ist unbekannt.




Peinlichkeiten, Schmerzgrenzen und Denkverbote

Sex ist normalerweise nicht tabuisiert - oder etwa doch?
Die eigentliche Pornografie in den Medien findet dort statt, wo man sie nicht vermutet: in Kriminalromanen und Fernsehkrimis. Der Tod und der Sex scheinen zwei der Komponenten zu sein, aus dem sich eine heiße Suppe kochen lässt. Und dies natürlich besonders dann, wenn sich entweder der Kommissar und das Opfer kannten oder der Kommissar die Hauptverdächtige intensiv vögelt. Ganz moderne Autoren verbinden sogar den neuen, ansonsten sexresistenten Sherlock Holmes mit einer Domina – ähnlich wie sich die Autoren von „Professor T.“ eine solche einfallen ließen.

Die Autorin Ines Witka schreibt:

Erotik … wird gepaart mit Aggressivität, Sadismus, mit Wahn, mit Religiosität, mit Spiritualität, mit Tragik, mit Schmerz … (es folgen weitere Begriffe).


Gut, war es das schon?

Nein, Frau Witka hat festgestellt:

Gewalt und Sexualität werden häufig in der Genre-Literatur der historischen Romane, der Horrorgeschichten, Science-Fiction- und Fantasy-Romane miteinander verbunden.


Es geht nicht darum, was du schreibst - sondern wie du es nennst, was du schreibst

Und nun kommt es ganz dick: Wenn du einen Sex-Roman schreibst, und dort gewisse Grenzen überschreitest, wirst du beschimpft, diffamiert und möglicherweise auch heute noch zensiert. Schreibst du jedoch über „etwas anderes“, dann „darfst“ du Versklavungen, Nötigungen, Vergewaltigungen und Folter als Stilmittel einbauen.

Wo die Tabus und Stolpersteine liegen

Peinliches, Gewaltsames, Bisexuelles - alles tabu?

Beginnen wir mal bei den Peinlichkeiten: Was dir als Autorin „peinlich“ ist, kann für andere sehr erhellend sei – oder deine Leser(innen) auch anregen – sie müssen nicht das Gleiche fühlen wie du. Dabei kannst du es so halten: Wenn du dich schämst, über etwas zu schreiben, kannst du diese Schamhaftigkeit auch auf deine Figur übertragen. Der kleine Unterschied: Du würdest dich schämen, „es“ zu tun, aber deine Figur wird es tun, nachdem sie ihre Scham überwunden hat. Es ist schreibtechnisch völlig unerheblich, ob es sich dabei um die „Aufnahme“ bei Fellatio oder um den Einsatz von „Natursekt“ handelt.

„Peinlich“ kann alles sein, was einen gewissen Widerstand in uns erzeugt – es kann sich dabei um eine Lappalie im Verhalten handeln oder um eine große Herausforderung. Und unsere Leser(innen)? Sie sind neugierig, wie Scham, Zurückhaltung und Peinlichkeit überwunden und in Lust verwandelt wird.

Geistiger Stacheldraht: Hürden, zu deren Überwindung Mut gehört

Es gibt zwei Tabus, die mit Vorliebe gebrochen und deren Tabubruch teils genossen, und teils verteufelt wird: körperliche Gewalt (auch spielerische) jeder Art und homosexuelle Kontakte unter Heterosexuellen.

Auch für diese Themen gilt: Falls du einen Roman über „etwas Anderes“ schreibst und die eine oder andere sexuelle Gewaltszene darin vorkommt, bist du entlastet. Das Gleiche gilt für zufällige männlich-homosexuelle (im Volksmund auch „bisexuell“ genannte) Aktionen in einem heterosexuellen geprägten Umfeld.

Solltest du aber einen Roman schreiben, in dem du deine Figuren ausschließlich am „sexuellen Abgrund“ wandeln lässt, giltst du als „Pornograf(in)“ und wirst entsprechend abgewertet. Dabei muss dein Roman nicht einmal „Sex- oder Gewaltszenen“ aneinanderreihen. Es reicht völlig aus, wenn deine Kritiker ein paar Haare in der Suppe finden – meistens Schamhaare.

Frauen und Männer – die neue Spaltung mit neuen Tabus

Seit das moderne „Neusprech“ mit seiner sozialen Korrektheit und dem Wort “Sexismus“ in Mode gekommen ist, gibt es Neo-Tabus, die zumindest für hocherotische Liebesromane oder bewusst pornografische Romane gelten. Eines davon ist, weibliche Figuren nicht durch Männer in Körper, Geist und Emotionen verletzen zu dürfen. Sicher gibt es Schlupflöcher, aber zunächst entsteht ein neues Tabu. Im Gegenzug wurden Romane enttabuisiert, in denen Männer durch Frauen geistig, körperlich oder emotional bezwungen werden. Dieser Prozess ist immer noch nicht beendet. Ähnlich kontrovers verhält es sich übrigens mit der homosexuell geprägten Literatur: Was zwischen Männern geschieht, solltest du nicht unbedingt heftig und konsequent schildern – es stört immer och viele Menschen (nicht nur Männer). Hingegen kannst du inzwischen jede Art von lesbischen Begegnungen in hellen und dunklen Farben ausmalen – es stört niemanden mehr.

Bekanntermaßen moralisiere ich nicht – und Tendenzen in der erotischen Literatur gab es schon immer. Es ist einfach so: Das glatteste Parkett, das du gegenwärtig betreten kannst, ist der eindeutig erotische Roman, in dem es um Sadismus, Masochismus, verschiedene Formen körperlicher und emotionaler Gewalt oder um bisexuelle Kontakte geht.

Bild oben: nach einer französischen Zeichnung, retuschiert.
Zitate: Ines Witka: "Dirty Writing", Tübingen 2015.

Der unterwürfige Mann und die Künstlerin

Sonnenuntergang auf dem Po
Nein, wir wissen nicht, was unterwürfige Männer denken. Aber wir wischen regelmäßig ein paar Flecken aus dem Internet auf und sagen euch, was am Lappen hängen blieb. Diese hübsche Schilderung haben wir noch ein wenig „unterstützt“, um sie in etwas leuchtendere Farben zu tauchen.

Ich denke, meine dominante Freundin fühlt sich als Künstlerin. Jedenfalls stelle ich mir dass vor, und ich weiß nicht einmal wirklich, ob sie das genauso empfindet. Aber ich denke, wir alle stellen uns ja etwas anderes vor als das, was wirklich passiert.

Mein Hintern wird zu ihrer Leinwand, wenn ich ihn ihrer Hand entgegenstrecke. Es geht ihr darum, ein Meisterwerk auf der Leinwand zu erschaffen, die ich ihr biete. Sie wird feurige Farben darauf zaubern, beginnend mit sinnlichem Rosa auf milchigem Weiß, bevor beide Töne ineinander aufgehen. Nach und nach werden die ersten Flammen züngeln und das Brennen des Feuers wird ihr Meisterwerk mit wunderschönem, glühenden Rot krönen.

Die Künstlerin wird niemals aufhören, bevor ihr Werk vollendet ist und die Farben ineinander verlaufen. Am Ende wird sie ihr Gemälde betrachten, und auch ich werde es sehen dürfen. Sie weiß, dass ihre Werke vergänglich sind – aber sie können ja neu erschaffen werden. Ein paar Tage wird sie warten müssen, bis ich ihr meine Leinwand wieder in Naturfarben präsentieren kann - und jedes Mal wird das Ergebnis etwas anders aussehen.



Das Essay entsprang der Idee eines anonymen Autors. Es bestand im Original nur aus drei einfachen Sätzen und wurde von unserem Umschreibdienst bearbeitet.