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Schreiben ist eher Leidenschaft als Technik

Schreiben heißt nicht, Wörter zu Sätzen zusammenzufügen. Es heißt nicht einmal, dies besonders gut zu können. Schreiben ist eine Leidenschaft. Sie erfordert von dir, dass du deine Gefühle kennst, und dass du sie gegebenenfalls überwindest. Wenn die Gedanken nicht in dir brennen, wenn du nicht der Überzeugung bist, dass sie heraus müssen und in die Welt sollen – dann lass es doch lieber. Kürzlich las ich einige Sätze, die ich euch nicht vorbehalten will. Sie sind ein Stakkato der Leidenschaft … und sie stammen von einem erfolgreichen Autor:


Es gibt keine magische Formel, um anzufangen. Es verlangt von dir lediglich, dass du intensiv am Leben teilnimmst, dass du aufmerksam verfolgst, was dich interessiert und dass du dem Jagdfieber folgst, das diese Interessen hervorrufen. Und weiter, dass du dich niemals fürchtest, darin tief einzudringen oder dich noch weiter in sie hineinzusteigern, vielleicht bis in die Tiefen des Kaninchenlochs (1), wenn du glaubst, dass es nötig ist.


Der Autor und Journalist Dan Savage (frei übersetzt) nach einer Aussage aus seinem Buch „Every Tool's a Hammer: Life Is What You Make It“

(1) Nach dem Vorbild von „Alice im Wunderland“, die ins Kaninchenloch abtaucht, um wundersame Wandel und kühne Wahrheiten zu erfahren.

Flirten ist oft besser als Sex – oder?

Übertriebene, aber weitgehend realitische Flirtpose
Für Autorinnen und Autoren ist der Flirt theoretisch einfacher zu schildern als alles, was mit „etwas in etwas“ oder „rein-raus“ zu tun hat.

Eigentlich wissen wir das ja – nicht wahr? Nur lese ich dennoch immer wieder das sein Händchen – so ganz plötzlich – unter ihrem Röckchen landet. Oder dass ihre sinnliche Hand sich ebenso plötzlich mit der Ursache seiner „Beule“ beschäftigt.

Der Flirt ist eine Verführung "ohne anzufassen"

Der Flirt ist eine sinnliche Verführung mit Worten „ohne anzufassen“. Manchmal bleibst’s dabei – das schadet weder ihm noch ihr, und auch die Leserin wird bestenfalls noch neugieriger, ob’s beim nächsten Mal richtig feucht wird zwischen beiden.

Ich las gerade im Internet, wie jemand einen Flirt für sich selbst beschreibt:

Flirts verbrauchen weniger physische und psychische Energien. Und ein wundervoller, begehrlicher Blick kann dazu führen, dass ich schneller feucht werde als von einer Hand, die versucht, meine Klitoris zu erreichen.


Mehr Flirts im erotischen Roman?

In der Praxis heißt das: Ein Flirt ist eine Mehrwege-Kommunikation ohne Anfassen, aber mit viel begehrlichen Blicken und sinnlichen Worten. Wenn ich das einmal in einen Gegensatz zu einer Verführung bringe, dann werden Verführungen normalerweise mit wenigen Worten, aber zahllosen Berührungen und Empfindungen beschrieben.

Mir scheint, der „Knackpunkt“ ist, dass nur wenige Autoren die überaus sinnlichen und hintergründigen Dialoge eines Flirts – sie nun verbal oder nonverbal – beschreiben mögen. Gerade sie sind aber die Bausteine für das Aufwallen der Begierde.
Was meint ihr? Ist es zu schwer, einen Flirt oder den Beginn einer Verführung in Worte zufassen? Oder warum wird in erotischen Romanen so wenig geflirtet, bevor der BH fällt oder sich der Reißverschluss öffnet?

Deine Figur – dein Thema: psychischer Wandel

Psycho-Faktoren: Handeln, Verhalten, Kommunizieren und Fühlen ergeben ein Bild
In der Psychotherapie, ja sogar in der Beratungspraxis, lautet die erste Frage, die sich der Therapeut oder Berater stellen wird: „Was bewegt diese Person?“ Falls du nie Therapeut oder Berater warst oder auch nie einen aufgesucht hast, hilft dir die Frage eines Arztes an einen Patienten, der ein "Knacken" im Kopf hört: „Stört Sie das, was Sie mir gerade geschildert haben?

Etwas stört, jemand verstört - oder auch die Suche nach Alternativen

Nun haben wir das Thema ungefähr fokussiert: Du kannst kaum eine vollends zufriedene, psychisch absolut intakte Person als Figur in deinen Werken verwenden. Etwas muss sie stören, und zwar so, dass sie es verändern will. Die andere Variante wäre natürlich, dass sie sich durch etwas (ver-) stören lässt. Es gäbe noch eine dritte Variante: Sich suchend auf die Spur eines Lebens zu beginnen, dass eine Veränderung mit sich bringt, ohne konkret zu wissen, wohin der Weg gehen soll. Das Thema klingt zeitlos, doch sollten wir nicht vergessen, dass es solche Möglichkeiten nicht für immer für alle Menschen gab – genau genommen ist die freie Wahl der Lebensform ein relativ junges Phänomen.

Wenn du dir darüber klar bist, weißt du auch, wie viel „Psycho“ du brauchst, um deine Person in die Geschichte einzubringen, kann ich dir helfen.

Nicht psychologisch einordnen, sondern die Figur handeln und reden lassen

Im Gegensatz zur psychologischen Literatur, die ja auf bestimmten Beobachtungen beruht, die anschließend beurteilt und/oder katalogisiert werden, beruht die Psychologie in der Literatur auf der aktuellen Beobachtung deiner Figur. Das heißt, der Leser beobachtet, wie sich deine Figur verhält, wie sich ihre Aktionen „anfühlen“ oder einfach, wie deine Figur zu sich selbst oder zu anderen spricht. Jeder deiner Leserinnen oder Leser kann dann entschieden, welches „psychische“ Bild er daraus entnimmt.

Bereichernd: Veränderungen durch das bewusste Erleben

Falls deine Figur aktiv etwas verändern will, kannst du sie begleiten, wie sie positive und negative Erfahrungen mit bekannten oder alternativen Handlungen durchlebt und was daraus resultiert. Normalerweise ist dies äußert bereichernd für deine Leserschaft. Und wenn es dann auch noch ethisch klug und motivierend ist, könntest du auch als erotische motivierte Autorin ein „gutes Werk für die Menschheit“ tun.

Passiv veranlasste Veränderungen ergeben ein anderes Menschenbild

Die Sache mit dem „Verändern durch äußere Umstände“ beinhaltet ein wesentliches Problem: Deine Figur kann jederzeit behaupten, nicht für ihre Handlungen verantwortlich zu sein, wie sie ja nicht von ihr initiiert wurden. Fragt sich natürlich, warum sie nicht „gegengesteuert“ hat, um zu verhindern, dass ihr gerade das Widerfährt, was von außen aus sie zukam. Wenn du das zulässt, mag deine Geschichte sehr schicksalhaft wirken und viele „Loser“ ansprechen, zumal, wenn deine Figur am Ende doch noch „errettet“ wird. Doch die Frage ist natürlich: Willst du auf Dauer „Loser“, „Träumerinnen“ und „Möchtegern-Prinzessinnen“ ansprechen? Ist es nicht wesentlich spektakulärer, nach Münchhausens Theorie zu verfahren und sich „selbst wieder aus dem Dreck zu ziehen?“

Schon im 21. Jahrhundert angekommen?

Wir leben im 21. Jahrhundert. Wer da noch darauf wartet, dass die Mami, der Papi, der edle Ritter oder die verständnisvolle Gönnerin schon alles wieder „richten“ wird, ist auf dem Holzweg.

Ob das Leben an sich oder das erotische Leben: Ein selbstbestimmtes Leben kann nur führen, wer sich ökonomisch, emotional und auch weitgehend sozial unabhängig durchs den Alltag schlängelt. Zum erfüllten Leben führt normalerweise immer wieder „Versuch und Irrtum“ - mit der Maßgabe, dass es auf Dauer mehr Gewinne als Verluste geben sollte.

Und deine Figur? Ist sie schon im 21. Jahrhundert angekommen? Oder ist sie immer noch im Zauberwald der Einhörner, Prinzen und edlen Ritter, die nur neue Namen tragen?

Frag dich: „Was bewegt meine Person wirklich – und auf welche Reise schickst du sie, um das zu ändern, was sie stört?“

Bild: © 2019 by Liebesverlag.de

Dating – Überraschung inbegriffen

Man weiß nie, wann man einander begegnet ...
Die bekannte Schreiblehrerin Elisabeth Benedict hat den Kernpunkt aller Dates (also nicht nur erotischer oder spontaner Begegnungen) in einem von fünf Sätzen getroffen:

Sie stellen möglicherweise sehr unterschiedliche Erwartungen an die Begegnung.

Ja, das tun sie. Und genau das ist der Punkt, der in der gesamten „offiziellen“ Dating-Literatur verkannt wird, gleich, ob du ein Sachbuch oder eine der zahllosen Erlebnisschilderungen zur Hand nimmst.

Man kann die Teilnehmer solcher Verabredungen in vier Kategorien einteilen:

1. Sexuell und emotional zurückhaltend.
2. Sexuell offen, emotional hingegen zurückhaltend.
3. Emotional offen, sexuell hingegen zurückhaltend.
4. Emotional und sexuell offen.

Die erste Kategorie stammt gedanklich aus den Zeiten, als es weder “angebracht” war, Gefühle zu äußern als auch, sich aus sexueller Bedürftigkeit mit jemandem zu treffen. Es sid eigentlich Treffen, um die Möglichkeit einer späteren Eheschließung auszuloten.

Die zweite besteht aus Menschen, die sich wegen des Geschlechtsverkehrs oder andrer erotischer Vergnügungen treffen – auch „Casual Dating“ genannt,

Die dritte Gruppe sucht die „Seelenverwandtschaft“ mit einem Menschen und eröffnet ihm dabei die eigene Gefühlswelt.

Die vierte Gruppe schließlich sieht Sex als eine mögliche Art der lustvollen Freizeitbeschäftigung mit einem interessanten Menschen, die auch zu „mehr“ führen könnte. Und letztlich auch zu absolut skurrilen Erfahrungen mit wundersamen sexuellen Praktiken.

Der Anlass des Treffens ist völlig gleichgültig

Für Autorinnen (und damit für die Literatur) spielt der Anlass eines Treffens überhaupt keine Rolle. Deswegen ist die gesamte Ratgeber-Literatur und alles was du sonst vielleicht darüber gelesen hast, nicht als wert. In „Fuchsia“, einem Werk, das ich gerne als Referenz erwähne, entsteht die sexuelle Beziehung, als die Heldin, eine jungfräuliche Journalistin, von ihrer Interviewpartnerin auf raffinierte Weise verführt wird.

„Offizielle Dates“ sind oftmals verkrampftes Kaspertheater

In den meisten Schilderungen nicht-erotischer Art wird das „offizielle“ Date über alle Maßen mit „Erwartungen“ oder gar „Ansprüchen“ dicht gepflastert, sodass gar kein Platz mehr für die Lust bleibt.
Erstaunlicherweise wird Sex auch selten als „Alternativlösung“ verstanden: Kommt die reale Partnersuchende mit dem Wunsch, zu heiraten, so will sie heiraten. Kommt sie mit der Absicht, den Mann sexuell auszukosten, so muss es auch im Bett enden – schließlich hatte die Frau dafür viele Vorbereitungen zu treffen.

Öder Konflikt – er will Sex, sie eine Beziehung

Der Konflikt zwischen einem Mann, der eher an Sex interessiert ist, und einer Frau, die heiraten will, ist derartig ausgelutscht, dass es ich wahrhaftig nicht lohnt, darüber zu schreiben. Das Thema wurde in vielen Büchern moralisierend, aber literarisch wertlos behandelt. In den letzten Jahrzehnten gab es – zum Erstaunen der Männer – oftmals die umgekehrte Interessenlage. Dabei hatten sich Frauen wochenlang auf diesen einen Tag vorbereitet, um endlich den Sex mit einem Mann genießen zu können – doch der potenzielle Partner suchte eher nach einer Beziehung und wertete dann die Frau ab, die „nichts als vögeln“ wollte.

Nie nach Schema … immer etwas Besonderes ausdenken

Ganz generell lässt sich das so sagen: Alles, was noch „Schema F“ bei Begegnungen abläuft, ist völlig uninteressant und eignet sich kaum für Erotik-Geschichten – inklusive des ausgetretenen Konflikts „er will Sex, sie eine Beziehung“.

Elisabeth Benedict kennt die Gewürze, das alles verändern: kultureller Wandel, historische Umbrüche … aber auch Geheimnisse und Hintergründe, die nicht sofort in den Fokus der Beteiligten geraten. Warum trifft die Frauenrechtlerin den durchtriebenen Macho? Warum lechzt der Manager nach der schlampigen Putzfrau statt nach der sorgfältig geschminkten Sekretärin? Was bedeutet Begierde, wenn sie mit Ideologien über Kreuz gerät?

Beim „Dating“ ist oftmals alles erlogen, weil beide nur ihre Fassaden gegenüberstellen. Was dahinter tickt und brodelt, wird oftmals nie entdeckt, andererseits aber auch viel zu schnell an den Tag gelegt.

Ein Beispiel aus dem 21. Jahrhundert

Eine Schilderung aus neuester Zeit, die so ähnlich tatsächlich stattgefunden haben könnte, würde sich so lesen:

Er hatte einen ziemlich langen Satz gesagt, und sah nun bedeutsam zu mir hin. Es war ein Satz in einer ganzen Kette von Sätzen, alle wohlformuliert und sorgfältig geglättet. Bevor er den nächsten Satz hervorbrachte, sagte ich leise: „Und was willst du wirklich von mir?“

Über sein Gesicht wanderte ein langer Schatten, so, als ob er aus einem Traum aufwachen würde.
„Wieso wirklich?“, fragt er verwirrt.

„Weil niemand zusammenkommt, um nur zu reden. Hast du keine Lust auf mich? Gefalle ich dir nicht?“

Er rang sichtlich nach Worten – wirklich süß, wie er dabei errötete.

Ich legte ihm einen Finger über den Mund. „Antworte besser nicht. Du kommst heute Nacht zu mir, und ich denke, ich werde dich nicht vor morgen früh wieder laufen lassen.“

Sicher – im Beispiel liegt kein äußerer Konfliktstoff. Aber vielleicht kommt das ja noch, wenn sie ihrem Gelegenheits-Lover offenbart, was sie alles mit ihm vorhat …“

Ich wünsche euch viel Erfolg mit dieser und anderen Varianten des wirklich zeitgemäßen „Datings“.

Zitat und literarische Hinweise aus: "Erotik schreiben", zuerst erscheinen New York, 2002. Background Informationen (Dating) und Recherche: Gebhard Roese, Ex-Redakteur Liebe Pur. Textschnipsel: Isidora. Bild Aus einem US-Pulp Magazin.

Erotik: Und wenn es keine große Literatur werden soll?

Die erotische Geschichte - das erotische Spiegelbild
Wer setzt sich schon hin, spitzt die Feder und sagt: „Ich werde heute einen bedeutenden Beitrag zur Literatur schreiben?“ Kaum jemand. Doch bei der erotischen Literatur heißt es immer wieder, die Autoren müssten literarischen Ansprüchen genügen. Ob Paul Englisch (1), Elisabeth Benedict (2) oder Werner Fuld (3) – alle reden von schriftstellerisch hochwertigen Werken. Möglichst sollen sie „Sex und noch etwas anderes“ darstellen, und jährlich einmal wird der Teil der „edlen Literatur“, der sinnliche Lüste enthält, gezielt verhöhnt. (4) Leider werden darüber hinaus vor allem Frauen öffentlich diffamiert, die wagen, sich mit Sex detailliert und hautnah auseinanderzusetzen. Von ihnen und ihrer Lust am Schreiben soll hier die Rede sein.

Sex und kaum etwas anderes?

Wer sich nur für sinnliche Episoden interessiert, wer nur kurze, aber heftige Szenen seiner Fantasie schildern will oder wer sich nicht die Mühe machen will, die Sexszenen noch mit Lametta zu schmücken, wird meist abgelehnt. Der Vorwurf, dabei Pornografie zu produzieren, trifft hart, und er ist durchaus so gemeint. Die „Wohlanständigen“ erregen sich öffentlich und meinen sinngemäß: „Die Säue, die so schreiben, müssen gezüchtigt werden.“ (5)

Das Geseire über die weibliche Psyche

Einige Bücher über „das Weibliche“ und „die weibliche Psyche“ betonen immer wieder, dass Frauen erotisch anders denken, und zwar so „völlig anders“, dass es ein Mann gar nicht erfassen kann. Sogar in „Klick Mich An“ (6) werden diese Meinungen wiederholt. Frauen wird ein detektivischer erotischer Geist unterstellt, und er mündet in einen vierfachen Prozess: einer für Gefühle, einer für das Soziale, einer für das Kulturelle und einer für das Körperliche. Kurz: „Vier verschiedene Arten mentaler Software“ bewerten bei Frauen – nach Meinung der Autoren - ihr erotisches Bewusstsein. Offenbar fiel niemandem auf, dass diese Aussagen aus dem 19. Jahrhundert stammen könnten.

Emanzipiert, aber nicht frei - das Prinzip „schamvoll“

Inzwischen ist das 21. Jahrhundert angebrochen. Frauen interessieren sich deutlicher als jemals zuvor für heftige, teils ekstatische Erlebnisse in Körper, Geist und Psyche. Doch immer noch schwanken sie zwischen Schamhaftigkeit und Schamlosigkeit, wobei kaum deutlich wird, dass „beide Seelen in derselben Brust“ wohnen. Das heißt: Entweder sie bleiben (als Person oder als Autorin) schamhaft und entsprechen damit den sozialen und kulturellen Anforderungen. Oder aber sie entwickeln ihre Schamlosigkeit, sowohl privat wie auch in ihren Schriften, und gelten fortan mindestens als „Schlampe“, wenn nicht gar als „Abartig“. Die dritte Variante: Die Autorin trennt ihr „Selbst“ in einen Teil, das sich dem Alltag als respektable Person zeigt, und einen anderen Teil, der sinnliche Figuren mit lustvollen Gedanken schafft. Wer das will, braucht ein gutes Pseudonym und mehrfach abgesicherte Wege für eine geplante Veröffentlichung.

Was spricht gegen "Einseitig und schamlos"?

Ein Teil der heutigen erotischen Literatur wie auch der „kleinen“ erotischen Werke ist einseitig und schamlos. Das heißt, die Lust steht im Mittelpunkt und wird auch kaum infrage gestellt. Der Körper spricht, und die Psyche folgt seinen Befehlen. „Das Soziale“ schwindet, wenn die Heldin unter Orgasmen zuckt und stöhnt, und auf „Kultur“, sprich: „Konventionen“, kann jede westliche Autorin nötigenfalls verzichten.

Eine Erotik-Autorin, von der ich jüngst hörte (7), sagte, sie denke nur an ihren Körper, ihre Lust, ihre vergangenen Abenteuer und gegenwärtigen Fantasien, wenn sie schriebe – und an nichts anderes. (Sie gab ihr Alter mit 45 Jahren an). Dieses Sichtweise ist neu. Sie entspricht nicht dem Bild der sorgfältig kalkulierenden, schriftstellerisch versierten, aber erotisch unterbelichtete Autorin, die sich derzeit aufmacht, über Sex zu schreiben.

Die unendliche Lust der Fantasien – und die Realität

Leserinnen sehen dies ähnlich. Das Bild der einseitig lustbetonten, durchaus auf wenige erotische Spielarten fixierten Frau wird immer beliebter. Jüngst wurde eine recht junge Frau (32) zu ihren Fantasien befragt. Sie sagte, sie sähe sich in ihren Fantasien „eher in der sexkonsumierenden Rolle“ und weiter (8):

Darauf bezogen wäre es mir egal, ob mich ein Mann oder eine Frau oral beziehungsweise manuell stimuliert – solange es für mich gut ist.


Um das Thema explizit erotischer Literatur anzugehen, ist es nötig, die Schamgrenzen beim Schreiben über Bord zu werfen. Ich sage bewusst „beim Schreiben“ – nicht in der Realität. Denn wenn du schreibst, lässt du eine andere Person für dich handeln. Es ist eine Spiegel-Persönlicheit: seitenverkehrt, vergrößert oder verkleinert und manchmal gar absurd verzerrt. Du kannst sie erscheinen und verschwinden lassen, wie du willst. Und wenn du aus dem Haus gehst, bist du wieder Sekretärin, Personalchefin oder Bäckereiwarenfachverkäuferin.

(1) Geschichte der erotischen Literatur, zuerst Leipzig 1931.
(2) Erotik Schreiben, zuerst New York, 2002.
(3) Eine Geschichte des Sinnlichen Schreibens, Berlin 2014.
(4) Beim "Bad Sex Award", teils berechtigt.
(5) Siehe: Konflikt um Talkshow-Moderatorin.
(6) "Klick Mich An!, zuerst New York 2011,deutsch München, 2012.
(7) Privat und Anonym.
(8) "Sex im Kopf", Reinbek 2014.
Bild: Historische erotische Fotografie, koloriert