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Ein wichtiger Satz über die Lust – für Autorinnen

Völlig von Sinnen - Lust im Delirium
Ich habe einen Satz in „Delirium“ gefunden, den ich im Original nicht einmal wiedergeben kann – einmal wegen der möglichen Zensur und zweites, weil jetzt ja alles „sozial korrekt“ sein muss. Also –wenn ihr ihn im Original lesen wollt, dann bliebt auch nichts anderes übrig, als das Buch zu kaufen – 1977 erschienen, in Deutschland erst zwei Jahre später.

Nun, ich will den Satz gerne so wandeln, dass er für dich passt, wenn du Autorin bist.

Diese Geschichten sind die Besten: Wenn deine Figur zittert, immer etwas verstört ist, wenn ein Mann in sie eindringt. Das genießt diene Leserin mehr als alles andere, weil sie jedes Mal glaubt, dass etwas Verbotenes geschieht.

Wie ich bereits sagte, es ist nicht der Originaltext. Aber es ist der Geist des Textes. Wenn die Heldin zugleich nach der Erfahrung lechzt und davor zittert, dann sind wir an dem Punkt angelangt, an dem Gefühle überschäumen. Und weil wir gerade dabei sind: Es muss ich nicht zwangsläufig um einen Mann und eine Frau handeln, und es muss nicht der Penis sein, der ängstigt.

Du kannst überall nachlesen, dass es nichts Langweiligeres gibt, als wenn alles „wie am Schnürchen“ flutscht. Nicht beim „ersten Mal“ und nicht beim ersten Mal mit dem/der Neuen. Und natürlich nicht bei einem der späteren ersten Male, wenn deine Figur neue Szenarien erprobt.

Der beste Mix: Mut, Geilheit und etwas Furcht

Am besten ist, deine Figur mit Mut, Geilheit und etwas Furcht auszustatten. Dann gelingt das, was du erreichen willst. Irgendwann gibt sich deine Figur nach vielen kleinen Widerständen und zwiespältigen Gefühlen endgültig und restlos hin. Und bei etwas sprachlichem Geschick wird deine Leserin glauben, sie habe sich gerade selbst der Lust hingegeben.

Zuvor las sich einen anderen Satz an einem anderen Ort. Die Sprache, so heißt es dort, würde uns viel mehr verstören als das Bild. Ich versuche das mal in „anständigem Deutsch“: eine erlebnisbereite Vulva oder ein heftig erigierter, begehrenswerter Penis, ins Bild gesetzt, mag „anmachen“ oder „erschrecken“, beides mag den Blick auf sich ziehen oder befremdet woanders hin lenken. Bist du eine Voyeuse (oder ein Voyeur), so guckst du hin und es macht dich vielleicht geil. Wenn du es nicht bist, ärgern dich diese Bilder oder sie lassen dich kalt.

Aber wenn du darüber liest, dann kannst du dich nicht gegen die Worte wehren, die deine Psyche behacken wie ein Specht die Rinde eines Baumes. Diese lustvollen, unverschämten, direkten Worte …

Die muss sie natürlich erst einmal finden. Dazu fällt mir ein, dass du deine Figur ruhig einmal animieren kannst, einen völlig schlaffen Penis durch bloßes Liebkosen aufzurichten – und sich dabei ein bisschen zu schämen.

Nun, dir fällt wahrscheinlich noch viel mehr dazu ein.

Delirio erschien zuerst 1977 in Mailand. Die deutsche Ausgabe heißt "Delirium"

Es in Es – Autoren und das Versenken des Harten ins Weiche

Bei Lichte betrachtet ...
Wenn deine männliche Figur „Es in Es“ versenkt, dann denkt und fühlt er anders, als wenn sie „Es“ in „Es“ spürt. Da wir üblicherweise eine Person in den Vordergrund stellen, können wir in den meisten Fällen auch nur die Gefühle einer Person eindringen.

Vielleicht erinnert ihr euch ja an die Nominierten im diesjährigen „Bad Sex Award“. Einer beschrieb die Vagina als „Quetschkomode“ aka „Konzertina“.

Nun gut – schon im Lied „Angelina“ wird auf die Parallele zwischen der Konzertina und der Liebeslust hingewiesen:

Angelina, Angelina, please bring down your concertina
And play a welcome for me 'cause I'll be coming home from sea.


Oder: Wie nennst du das, was passiert?

Falls ihr die Textstelle vergessen habt, die „prämiert“ wurde:

Ihre vaginale Schnarre bewegte sich wie die Wellen einer Konzertina und schluckte langsam mein Organ wie eine Boa Constrictor ihre Beute verschlingt.


Na schön. Oder auch nicht. In einem anderen nominierten Roman heißt es:

Ich schob meinen erigierten Penis hinein. Oder, aus einer anderen Sicht, verschluckte eben jener Teil von ihr meinen Penis, der dabei in etwas eintauchte, was sie wie warme Butter anfühlte.


Geht es auch anders? Ja, wenn wir ehrlicher sind

Zwei Mal „Es in Es“ – zwei Mal eine völlig andere Sichtweise, ein anderes Gefühl, eine andere Anatomie.

Und irgendwie wird nun jedem bewusst, der noch ein Hirn hat: Das ist beides nicht alles gewesen, wobei eine Vagina als Konzertina letztendlich etwas plastischer an die Leserschaft kommt als der in Butter getauchte Penis. Und nun werden Sie seufzen und sagen: Na ja, das war ja im Original alles in englischer Sprache …

Ach ja. Aber im Deutschen tapsen wir ebenso in die üblichen Fallen – und nicht nur in der „großen“ Literatur. Wir vergessen, wie sehr die Personen von der Natur getrieben werden, wir berücksichtigen weder ihre animalische Wollust noch ihre kindlichen Verletzungsängste, wenn es um „das Eine“ geht. Wir unterstellen, dass der Penis sofort bocksteif ist und die Vagina fühlbar Flüssigkeit absondert. Wir nehmen an, dass beide Orgasmen haben, womöglich noch zugleich – und ebenso, dass sich beide in ähnlicher Weise wohlfühlen. Und – vor allem – vergessen wir, dass der Moment, indem „Es in Es“ geht, nur ein winzig kleiner Teil des Prozesses ist, der vorausgeht und der noch folgen wird.

Wie das "Es" im "Es" plastischer wird

Oh nein – erwartet bitte nicht, dass ich euch die Worte in den Mund lege. Der Weg von „sachlich Beschreibend“ bis zur „unwiderstehlichen Masturbationsvorlage“ ist ebenso vielschichtig wie der andere Weg. Und der führt von den nüchternen Tatsachen der „Vereinigung“ zur blumig-verkitschten Beschreibung des Geschlechtsakts wie im Märchen.

Ein bisschen Hilfe will ich dennoch geben: Wer einen Penis versenkt oder empfängt, der fühlt etwas – und das kann wirklich und wahrhaftig alles sein, von Neugierde bis zu Geilheit, von Genuss bis zum Ekel. Sie oder er kann entweder vorher sehen, was da ineinander gerät oder auch nicht. Wenn du das Licht über deinen Figuren löscht, ist es anders, als wenn es dämmrig leuchtet, sodass "sie" den Penis sieht, bevor er eindringt und er schon mal die sich öffnende Vulva sehen kann. Und das Harte kommt nicht immer problemlos ins Weiche. Das kannst du beschreiben – wo’s stockt und warum und wie sich Heldin oder Held dabei fühlen.

Beispiel Erotik-Produkte - die Vulva sehen, die Vagina spüren

Na also. Erotik-Anbieter sagen uns, sie würden Masturbatoren mit ähnlichen Vulven anbieten wie die Lieblings-Darstellerin, die dergleichen geöffnet zur Schau stellt. Und nicht nur das: Unterschiedliche Gerätschaften solcher Art imitieren differenziert strukturierte Vulven.

Sind wir schon wieder bei der Konzertina? Nein, sicher nicht. Aber wenn sich Männer für das Aussehen und die Struktur von Masturbatoren interessieren, dann sollte es auch möglich sein, das zu beschreiben, was sie am natürlichen Objekt begeistert, oder etwa nicht? Übrigens gilt Ähnliches für Frauen im Bezug auf Dildos, Vibratoren und biologische Penisse.

Sinnlich Schreiben – ein besonderer Beitrag für Frauen

Das erotische Leben hinter dem Spiegel
Anders das Weib. Ist es geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein Geringes … jedenfalls (ist) das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nachgeht (eine) abnorme Erscheinung.

Richard Freiherr von Krafft-Ebing(1) (1912)

Warum wird der Großteil erotischer Erfolgsromane von Frauen für Frauen geschrieben? Weil Frauen die Lust aus den Wörtern saugen, sich dabei an die Stelle der Heldin setzen und weil sie versuchen, all das nachzuempfinden, was sie durchlebt, von der aufsteigenden Geilheit bis zum Orgasmus. Oh, du zweifelst?

Dazu musst du eines wissen: „Der Verstand der Frauen leugnet die Vagina“ (2). Das ist kein Macho-Spruch, sondern ein zuverlässiges Forschungsergebnis. Dazu wurden Frauen verschiedene Szenen gezeigt, in denen Menschen Geschlechtsverkehr hatten: Heterosexuelle wie Homosexuelle. Die Frauen hatten die Möglichkeit, ihre Erregung selbst einzuschätzen, sie wurde aber parallel durch einen Pletyhsmographen aufgezeichnet, mit dessen Hilfe man die körperliche sexuelle Erregung maß. Die Genitalien verrieten dabei, dass die tatsächliche sexuelle Erregung ungleich höher war als die Selbsteinschätzung.

Im 21. Jahrhundert innerlich mit den Maßstäben des 19. Jahrhunderts leben?

Man hat seither viel darüber diskutiert, warum dies so sein könnte. Ganz allgemein kam man später zu dem Schluss, dass Frauen auch im 21. Jahrhundert nicht „gestattet wird“, sexuelle Wesen zu sein – so wie vor über 130 Jahren (1). Sie müssten daher immer behaupten, nicht „geil zu werden“, auf Kaffeetafel-Deutsch vornehm „nicht sexuell erregt zu werden“.

Die "andere Realität", in der alles möglich wird

Nehmen wir an, diese Frau würde ein Buch lesen. Offenbar ist es der Figur im Buch gestattet, bei einer Begegnung „feucht zu werden“, dabei nervös auf dem Jugendstil-Sessel im Kaffeehaus hin- und herzurutschen und dabei zu hoffen, dass die Feuchtigkeit nicht bis zum Bezug des Polsters durchschlägt. Möglicherweise nimmt sich die Frau im Buch noch viel mehr heraus … und all dies rauscht durch das Hirn deiner Leserin, die nach und nach in die Figur hineinkriecht. Der Verstand? Hat sie zuvor jemals gefragt, ob ein Liebesroman „logisch schlüssig“ ist? Warum also sollte sie sich nun fragen, ob die folgende aktive oder passive Verführung jetzt realistisch, logisch oder lebensnah ist?

Der Verstand hier, die Gefühle dort

Der Verstand, die reine Logik erfasst keine Gefühle. Wer die Geschlechtsteile und ihre Funktionen akademisch korrekt zu benennen weiß und sie dann im Zusammenwirken erläutert, kann genauso gut beschreiben, wie ein Schuko-Stecker in die Schuko-Steckdose kommt. So ähnlich wie beim Sexualkundeunterricht.

Der Trick, den Autorinnen (und manche Autoren) mit dem erotischen Roman verfahren, ist ganz einfach: Die Situation wird von der Realität entbunden, wie es auch im Liebesroman geschieht. Dann wird eine neue, märchenhafte Pseudo-Realität unter völlig anderen Gesichtspunkten aufgebaut. Die Figur, gleich ob Femme fatale oder Mauerblümchen, wandelt in einem Märchenland der Gefühle, in dem alles erlaubt und nichts unmöglich ist.

Das heißt nun nicht, dass unser gesamtes Geschehen auf „Wolke Sieben“ abläuft, denn nun kommt der zweite Trick: In der veränderten, märchenhaften Umgebung wird eine neue, durchaus detaillierte Realität aufgebaut, die sich nicht mehr am „Erlaubten“, sondern am „Möglichen“ orientiert. Dieses „Mögliche“, so unwahrscheinlich es auch sein mag, kann dann realistisch (und äußert frivol) geschildert werden, denn wir sind längst in einem Land „hinter den Spiegeln“, in dem die „echte Realität“ nicht mehr zählt. Ein sehr eindrucksvolles Beispiel ist die „Geschichte der O“, ein Roman, in dem die einzelnen Szenen äußert detailgetreu geschildert werden, während sie als märchenhaft empfunden werden.

(1) Der gute alte Richard Freiherr von Krafft-Ebing, seines Zeichens Nervenarzt und damals als äußert kompetent angesehen, schrieb und veröffentlichte diese Zeilen gegen 1886. Sein Buch „Psychopathia Sexualis“ erschien in mindestens 17 Auflagen – zitiert wurde aus der 14. Auflage von 1912.
(2) Bergner: Die Versteckte Lust der Frauen, New York 2013
Bild nach einer anonymen Zeichnung, kleiner Ausschnitt.

Lasst uns von vielen Dingen reden …

Ob sie bald abheben?
Die Welt der Erotik ist erschreckend einseitig, selbst dann, wenn sie gar nicht einseitig ist. Doch sobald du (wie ich es oft tue) erotische Geschichten analysierst, und sie nicht einfach auf eine Geilheitsskala von eins bis zehn setzt, wirst du dich an deine Grundschulzeit erinnern.

Du hast Sätze aneinandergereiht, hast häufig den Satzbeginn „und dann“ oder eine Variante dessen benutzt, und am Ende las sich alles wie eine Aufzählung von Ereignissen, die recht belanglos klangen.

Und dann ... wurde alles ein bisschen frivoler ... und dann ...

Du kannst im gleichen Stil erotische Geschichten schreiben. Was er getan hat, wie er es getan hat, wann sein Sperma floss und wohin … und dann schreibst du, was in der nächsten Nacht geschah, oder wann er von der vorderen Lustöffnung auf die hintere wechselte. Und jedes Mal wird die Sache ein bisschen frivoler. Und dann ... ja, das war es dann. Falls deine Geschichte zu mehr als zwei Dritteln von Sex und von kaum etwas anderem handelt, bist du gezwungen, die Geilheit, den Schmerz oder die Heftigkeit der Orgasmen von Seite zu Seite zu steigern.

Wir müssen von vielen Dingen sprechen ...

Vor einigen Tagen las ich einen Internetbeitrag, es sei nun Zeit, von etwas anderem zu sprechen, und zitierte dabei Lewis Carroll, von dem ich diese Zeilen gerne wiederholen will:

"The time has come," the Walrus said,
"To talk of many things:
Of shoes--and ships--and sealing-wax--
Of cabbages--and kings--
And why the sea is boiling hot--
And whether pigs have wings".


Sollten wir die Schweine beflügeln?

Ja, warum sollten Schweine Flügel haben? Weil sie keine haben, und es wäre deshalb auch höchst unwahrscheinlich, dass Schweine fliegen könnten. Und ich sage dazu mal: Solange du die Schweine nicht beflügelst, bleiben auf dem Boden, lesen aneinandergereihte Sätze und suhlen sich darin.

Die Geschichte vom Walross und dem Zimmermann endet im Übrigen so, dass die Ressourcen (Austern) restlos weggefressen wurden und ein paar Krokodilstränen darüber fielen.

Geht es uns nicht auch so, wenn wir im Internet die zahllosen „erotischen Geschichten“ lesen, die alle Ressourcen ausbeuten, ohne jemals etwas Neues zu produzieren? Abhaken, ein paar Tränen darüber verlieren und zur Tagesordnung übergehen? Ich meine: Nein.

Wenn wir heute über „Erotische Schriften“ oder „erotisches Schreiben“ reden, dann sind wir genau an dem Punkt: „Wir müssen über viele Dinge reden.“

Weg von den Klischees über Frauen und Männer

Zum Beispiel darüber, wie wir unsere Figuren als Frauen und Männer darstellen wollen: Frei und gleich, selbstverantwortlich und mit nahezu beliebigen Eigenschaften, Wünschen und Sehnsüchten ausgestattet, die nicht auf das Geschlecht bezogen sind? Und mit einigen wenigen Eigenschaften, die eben doch geschlechtsspezifisch sind? Und mit vielen Attributen, die einfach als „erotisch“ gewertet werden können, ohne zu fragen: An wen richtet sich denn die Botschaft? Und: Werden wir wagen, Frauen und Männer in unseren Schriften auch dann gleichzubehandeln, wenn wir sie „gleich rücksichtslos“ darstellen wollen?

Ich erfinde derzeit kein Flugschwein

Gut – vielleicht frage ich zu viel. Vielleicht sollte ich zur imaginären Feder greifen und meine Tastatur traktieren. Und vielleicht würde ich dann doch ein paar Schweine erfinden, die vom Boden abheben und sich in die lustvolleren Gefilde der erotischen Fantasien erheben würden.

Vorläufig allerdings hoffe ich darauf, dass es andere tun. Übrigens wären Austern kein schlechter Anfang … schon mancher ist vom herb-salzigen Geschmack der Schalentiere auf den Wunsch nach oralen Lüsten gekommen.

Vielleicht … ja vielleicht wärst du ja diejenige oder derjenige, die/der sich mit der geflügelten Sau so gut auskennt wie mit dem geflügelten Eber. Dann beginne möglichst bald, alles auszuschreiben, was dir dazu einfällt. Und möglichst noch zu etwas anderem.

Und schönen Dank, dass ihr bis hierher gelesen habt.

(1) Laut „The Red Kings Dream“ sollten damit übrigens der Kunsthistoriker John Ruskin und der Essayist Walter Pater karikiert werden.
Foto: © 2018 by Liebesverlag.de

Die Sprache des Fühlens in der Erotik

Für Autorinnen und Autoren sollte die „Sprache des Fühlens“ eigentlich die Sprache der Wahl sein. Doch leider ist sie eine jener Fremdsprachen, die ausgesprochen schwer erlernbar sind. Und während wir an andere Fremdsprachen emotionslos herangehen, ist die „Sprache des erotischen Fühlens“ weitgehend mit Schamnestern durchsetzt, die uns behindern. Ob wir daran etwas ändern können? Ich hörte, dass es möglich sein soll – sogar schon in der Schule. Und es ginge dabei darum, eine „Sprache für den Körper und die Gefühle“ zu entwickeln. Ziel sei dabei, dem jeweiligen Sexualpartner (aber auch anderen gegenüber) die eigenen Wünsche und Grenzen zu vermitteln.

Das zitiere ich mal wörtlich:

Kindern und Jugendlichen – egal welcher sexuellen Orientierung oder Identität – muss eine Sprache für ihren Körper und ihre Gefühle gegeben werden. Wer lernt, offen über seine Sexualität zu reden, kann über Wünsche und Grenzen sprechen.


Die Sprachlosigkeit der Erwachsenen

Kindern und Jugendlichen? Ich denke eher an die Erwachsenen. Im Alltag finden wir eine Dreiteilung, sowohl, was die Ausdrücke für die Körperteile betrifft wie auch, was wir über die Handlungen erfahren können.

Die Unterschicht sagt, was sie denkt - aber sie schreibt nicht

Die erste, öffentlich sprachlose, aber im inneren Kreis recht offene Gruppe finden wir dort, wo sich Friseurin, Wurstverkäuferin und Arbeiterin befinden. Sie wissen, worauf es ankommt, was sie tun oder unterlassen müssen und was sie richtig heißmacht. Über die Gefühle werden nicht viel Worte gemacht, aber jede Frau weiß, was sie geil macht und was sie eklig findet. Fremdwörter werden kaum benutzt, und gelegentlich greift man in die unterste Schublade des erträglichen Vokabulars. Aber – man versteht einander.

Die Oberschicht kennt keine Grenzen - bleibt aber unter sich

Schauen wir nach „ganz oben“, dann findet man zwar ein anderes Vokabular, doch wenn die Akademikerin mal „so richtig notgeil“ ist, nutzt sie auch die „schmutzigen“ Wörter der anderen. Gebildete Frauen und Männer sind allerdings ebenso wenig gewohnt, ihr Gefühlsleben verbal auszudrücken. Kurz: sowohl „oben“ und „unten“ wird nicht lange gefackelt, wenn es um das „Benennen“ von Körperteilen und Emotionen geht – nur die Namensgebung variiert. Und die etwas raffinierteren Lüste, wie etwa SM, treten hier mehr zutage als in der Unterschicht.

Das Schämen und Verweigern der Mittelschicht - ein Dilemma

Ich erzähle euch das alles, weil beide Gruppen nicht zu denen gehören, die sich ihrer Sexualität oder ihrer Handlungen schämen. Das „Schämen“ haben die Frauen (und leider auch viele Männer) der Mittelschicht für sich gepachtet, und sie kultivieren es auf unterschiedliche Arten. Die meisten tun „manchmal etwas“, dessen sie sich ganz offensichtlich schämen, und die Beschämung verschlägt ihnen die Sprache. Es ist nicht einmal das Vokabular, das ihnen fehlen würde, um die Körperöffnungen und Lustpunkte zu beschreiben. Es ist die Verbindung der Körperfunktionen, der Gefühle, die sie daraus ziehen und der Worte, in die man dergleichen fassen könnte. Unter höchster Geheimhaltung erzählen sie ihrer intimsten Freundin, dass sie „neulich mit einem Mann richtig nass geworden“ sind. Die Sextoys werden im Versandhandel diskret bestellt und unauffindbar gelagert, die erotischen Bücher werden, wenn vorhanden, hinter Kleist und Schiller versteckt – und dergleichen mehr. Neugierde darf sich durchaus mit Geilheit paaren – nur hat man sich gefälligst zu schämen, nachdem der Vibrator seinen Dienst verrichtet hat.

Verbal völlig offen „sexuell“ zu sein – lohnt es sich?

Wer die Entwicklung von erotischen Blogs verfolgt, weiß um diese Probleme. Nur wenige Frauen und Männer gaben sich sozusagen „der Öffentlichkeit hin“, sodass ihr Publikum sie verbal „nackt und von innen“ erleben konnten. Die meisten, die es früher einmal versuchten, haben sich in die Privatheit zurückgezogen. Es gibt einige junge Frauen, die sich trotz aller Zweifel noch verbal entblößen – doch finde ich immer mehr Bemerkungen, dass sie sich nicht wirklich wohlfühlen bei alledem. Einige von ihnen wurden (und werden) ständig mit Dreckkübeln überschüttet – und das macht wirklich keine Freude.

Die eigene Schamhaftigkeit und die deiner Figur

Es ist leicht einzusehen, dass sich kaum noch jemand an den Straßenrand des Internets stellen will, und sagen: „Schau auf meinen Körper, sie in ihn hinein – na, gefällt dir, was du siehst und fühlst?“Doch was ist mit all jenen, die nicht sich selbst ausziehen und dabei Einblicke in Körper und Psyche freilegen, sondern die Figuren erfinden, die es an ihrer Stelle tun? Autorinnen und Autoren?

Ich wiederhole mal den einen Satz, den ich las:

Wer lernt, offen über seine Sexualität zu reden, kann über Wünsche und Grenzen sprechen.

Ja, wenn es so wäre, dann könnte es so sein. Du kannst es benennen, sagen, was du damit machst (oder was dein Lover damit tun oder unterlassen soll). Und es ist ein Fortschritt, wenn wenigstens das funktioniert. Aber diese verbalen Fähigkeiten zu erlernen oder zu vervollkommnen, um Literatur zu schreiben, erfordert Übung und – zu einem großen Teil – auch Selbstüberwindung.

Wer die Sprache des Körpers und der Gefühle zuerst als „igitt“, oder „Schweinkram“ kennengelernt hat, wird kaum morgen fähig sein, sie in lustvolle Sätze umzuwandeln.

Ein Trick für dich, um die Schamhaftigkeit abzulegen

Voraussetzung ist, dass du dich von deiner Hülle aus Vorurteilen, Scham und inneren Widerständen befreien möchtest. Stell diese Person einfach neben dich – ich verspreche dir, du kannst in sie zurück, wenn du wieder in den Alltag abtauchst. Und nun wechsle zu der Person, die kein Schutzschild trägt. Das darfst du, denn nun kannst du in deinen Fantasien schwelgen, ohne etwas befürchten zu müssen. Und am Ende – nun, dann ist deine Figur wieder deine Figur – und du bist du. Sei lieb zu deiner Figur – sie ist ein Teil von dir, auch wenn du nicht daran erinnert werden willst.

Zitat: "Augsburger Allgemeine"