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Mitlüsten, Mitleiden, Mitekeln

In einer Filmkritik („Touch me not) mit sexbezogenen Szenen las ich:

Die Kamera kommt den Darstellern sehr nahe: Mitgefühl, Interesse, Neugier, auch Ekel – alles ist zulässig.


Warum sollte für das geschriebene Wort nicht das Gleiche gelten? Und zwischen der Kamera, die Menschen so entsetzlich nackt machen kann, dass es peinlich wirkt, und dem geschriebenen Wort liegen Unterschiede wie Tag und Nacht. Im Buch steht nur der „Rohstoff“. Erst das Gehirn des Lesers erschafft das Abbild seiner Realität – und nicht „der“ Realität, wie im Film.

Also, Autorinnen und Autoren: Lasst die Leser(innen) teilhaben an Wollust und Ekel eurer Figuren. Versucht gar nicht erst, einen Groschenroman-Entwurf mit „sanfter, romantischer Lust“ aufzuschönen. Niemand wird von sich sagen, dass jedes seiner sexuellen Erlebnisse ein Bad in der Wonne war.

Warum sollten wir nicht mitfühlen, mitleiden und und dann und wann auch mitekeln?

Sind Frauen auch mächtig, wenn sie lieben und lüsten?

Der Schatten der Macht, beharrlich wirkend
Macht und Ohnmacht liegen eng beieinander, wenn du dich ganz und gar vergisst und nur gelten lässt, was dir deine Lust befiehlt.

Und was ist, wenn du die Macht genießen willst? Wenn du über einen Mann erotisch herrschen willst, und sei es nur in einem eleganten Rollenspiel? Aufrechte Haltung markante Stimme, befehlsgewohnt, bedrohliche Wirkung durch Gebärdensprache?

Ich hab etwas gelesen, was mich etwas verwirrt. Sollte es stimmen, dann … ja, was ist dann eigentlich?

Frauen finden Wege, ihre Interessen durchzusetzen. Statt Machtworte zu sprechen, überzeugen Frauen anders, durch Beharrlichkeit zum Beispiel. Und erleben Momente, in denen sie sich mächtig fühlen.


Es stand in der ZEIT. Gemeint war wohl eher die berufliche Macht. Aber das ist viel zu ernst … und da fiel mir noch etwas auf:

Es gibt mehr als nur die männlichen Formen, Macht auszuüben.


Was nun? Auf zur ZEIT, um über die eigenen Machtgefühle zu berichten? Die Wochenzeitung sucht.

Momente der Macht – aus dem privaten Umfeld, aus Ihrem Berufsleben oder Ihrem Alltag, im Umgang mit Männern und mit Frauen.


Juckt es da nicht mancher Autorin in den Fingern? Obwohl – also ich denke oft: Macht ist in der Fantasie noch viel schöner als in der Realität. Die Realität ist immer so real, wisst ihr? Da musst du doch tatsächlich auch noch Verantwortung übernehmen, wenn du die Macht hast.

Die Zitate stammen aus der verlinkten Quelle: DIE ZEIT.

Dreier: Das Karussell mit drei Gondeln dreht sich … auch anders herum

Was gut für einen Mann ist, ist auch gut für eine Frau. Oder was ein Mann tun oder bekommen kann, kann auch eine Frau tun oder bekommen – die Soße, die gut für die Gans ist, ist auch gut für den Ganter.

Britisches Sprichwort nebst Erklärung


Mann sucht Frau, Frau sucht Mann, Frau sucht Frau, Mann sucht Mann … das alles habt ihr schon mal gehört oder gelesen. Was aber ist mit diesen Sparten?

- Paar sucht Mann.
- Paar sucht Frau.
- Mann sucht Paar.
- Frau sucht Paar.


Da muss etwas anderes dahinterstecken, nicht wahr?

Und wenn ihr nun diesen erotischen Sündenpfuhl eintaucht, dann werdet ihr bald merken: Da ist ein bisschen mehr gefällig als nur ein Dreier, der von einem gelangweilten Ehepaar herbeigesehnt wird. Und die Solo-Männer und Solo-Frauen, die nach Paaren lechzen, was wollen die eigentlich?

Warum Dreier ohnehin als ziemlich frivol gelten

Alle diese Konstellationen sind asymmetrische sexuelle Verhältnisse, die noch weitaus mehr tabuisiert sind als beispielsweise der Partnertausch. Bei dem geht es wenigstens noch biologisch in die richtige Richtung, nur eben nicht ethisch. Und bei Dreiern ist schon deswegen etwas faul, weil da eigentlich einer übrig ist – ja, was macht der denn überhaupt?

Das ist genau das, worüber du dir klar werden musst, wenn du über sexuelle Beziehungen „zu dritt“ schreiben willst. Egal, ob sie deine Figuren an einem alkoholdurchtränkten Abend zufällig erlebt haben oder ob sie das Ergebnis einer Planung oder mehrerer Vorgespräche waren. Und vergessen wir bitte nicht: Es gibt auch Personen, die dauerhaft sexuell in Dreierbeziehungen zusammenleben.

Von ziemlich frivol bis ziemlich gewagt - alle Dreier

Generell gibt es vier Arten von Dreiern und eine Option, die immer häufiger vorkommt.

- MFF heterosexuell. Das, was der Mann sich meist in seinen Träumen vorstellt: Er hat zwei Frauen zur Verfügung, mit denen er sich parallel oder nacheinander vergnügen kann.
- MFF bisexuell. Auch das ist eine Version, die sich Männer gerne gefallen lassen. Wenn der Mann erschöpft ist, überlässt er das Feld der Lust den Frauen, die schon so ausgewählt wurden, dass mindestens eine bi-neugierig ist.
- FMM heterosexuell. Ein Frauenfavorit, denn sie kann sich sicher sein, von beiden Männern bewundert und begehrt zu werden..
- FMM bisexuell. Ein Favorit experimenteller Paare, bei denen der Mann seine Bi-Lüste nur in Anwesenheit einer Frau ausleben möchte.

Bei allen Varianten mit zwei Frauen kann eine von ihnen allerdings auch den männlichen Part übernehmen – das gilt als besonders frivol. Diese Variante kommt in der Literatur noch recht selten vor.

Neuerdings ist auch oft von SM-Varianten die Rede, bei denen zumeist einer der Männer lustvoll erniedrigt wird oder in denen die etwas gewagteren Varianten männlicher Bi-Neugierde zum Tragen kommen. Doch die Klischees, die das Internet darüber liefert, sind weit entfernt von der Realität. Denn selbst in offenen Beziehungen, in denen sonst fast alles möglich ist, greift die männliche Sperre, jemals bei einem Dreier einem Mann zu nahe zu kommen.

Ich zitiere mal sinngemäß eine Bloggerin:

Ich wünschte mir, mein Freund würde mal mitmachen, wenn ich einen anderen Mann „behandle“, und ich habe ihn auch schon mal ermutigt. Aber er will da nicht heran. Ich hätte nie gedacht, dass die Partitur so kompliziert wäre.


Es ist also nicht leicht, und weil es wirklich nicht "gängige Praxis" ist, fällt es den meisten Autorinnen und Autoren auch schwer, Dreier wirklich erregend zu beschreiben. Immerhin kannst du davon ausgehen, dass jede Leserin und jeder Leser das Thema „Dreier“ als ziemlich frivol ansieht – und dennoch gerne darüber liest, weil jedes Detail neugierig macht.

Falls ihr emotionslos an das Thema herangehen wollt - lest noch einmal das Zitat am Anfang und behandelt einfach Frauen und Männer gleich.

Nun seid ihr dran: Welches „Handwerkszeug“ habt ihr, und wie wollt ihr euer Figuren aufbauen? Ich bin sehr gespannt auf Vorschläge …

Eine Anmerkung: Bi-Neugierde und gleichgeschlechtliche Lust haben weder ursächlich noch zwangsläufig etwas mit sexueller Orientierung zu tun, wie in vielen Büchern behauptet wird.

Der Mann ist ein Schwein – ja, echt …

Manche Themen kann man nur mit Humor ertragen - zum Beispiel, dass alle Männer Schweine sind. Und deshalb heute ein Essay.
Als Mann kommst du, als Schwein gehst du ... warum eigentlich nicht?

He du, bist du ein Schwein
dann komm doch rein und sei gemein.
(Georg Danzer)


Männer zur Sau zu machen – woran erinnert uns das nur? An die Gefährten des Odysseus, die bekanntermaßen von der berüchtigten Zauberin Circe in Schweinchen verwandelt wurden?

„Ach, die muss man erst verwandeln? Ich dachte, die wären sowieso schon welche.“ Na ja, auch eine Meinung. Ich weiß nur nicht, woher diese Frauen immer ihre Schweine beziehen – muss eine geheime Quelle geben. Denn eigentlich lassen die Kerle erst die Sau raus, wenn sie richtig rauschig sind. Ach, die sind immer rauschig? Na ja. Wirklich?

Oder zu brav. Manche wagen ja nicht einmal, ihre süße Schweineschnauze so richtig zum Einsatz zu bringen. Denen musst du wirklich erst zeigen, wo die Trüffel sind. Aber sie sind auch gelehrig – das nächste Mal wissen sie, wo sie schnuppern müssen. Im Grunde kannst du sie alle zu Schweinchen machen … es liegt in ihrer Natur. Und wenn du sie erst mal richtig angelernt hast, dann nützen sie dir auch. Klar wollen sie auch noch etwas anderes. Sind schließlich Männer-Schweine. Aber wenn du sie gut dressierst … dann machen sie eben eine Weile, was du willst. Wenn sie dich später langweilen, kannst du sie wieder abstoßen.

Reden wir mal über nackte Männer. Ganz Nackte, Ältere. Sehen die nicht sowieso aus wie die Schweine? Und wenn sie schon so aussehen und sich so benehmen, dann bitten sie doch geradezu darum, zur Sau gemacht zu werden, oder etwa nicht? „Wie man in den Schweinekoben hineinruft, so grunzt es heraus“. Na also.

Ruff, ruff … ruff … mit so einem Schwein brauchst du dich nicht über Herder und Mendelssohn zu unterhalten. Verhilf ihm einfach dazu, sich in der Lust zu suhlen … und hol die das, was dein Schwein zu bieten hat … da fällt dir bestimmt eine Menge ein.

Und das Beste zuletzt. Wenn du dein Männerschwein nicht mehr brauchen kannst, dann setz es einfach aus. Da draußen lungern genügend Frauen herum, die es mit nach Haus nehmen werden.

Und? Fragst du jetzt, warum jemand ein Schwein wollen sollte?

Da kann ich nur die Circe zitieren (1): „Na, nun sind Sie schon mal da, nun kommen Sie herein … und wie das Schicksal will, ich habe gerade kein Schwein.“

Und so ist das wohl. Andere ruft kein Schwein an – aber du hast wenigstens (ein) Schwein.

(1) Gemeint war natürlich nicht Homers Circe, sondern eine Interpretation des Liedes "Circe" von Hanne Wieder - Text von Friedrich Hollaender.

Romantik und Erotik – unvereinbar?

Die verlogene Romantik: Kitsch in einer bürgerlichen Zeitschrift von 1913
Was die Liebe betrifft, ist selten schriftstellerisch „unvereinbar“. Nicht einmal die beiden Gegensätze der menschlichen Lust, die Liebe zueinander und der Sex miteinander, werden von uns getrennt. Wir stehen auf und machen ein Rührei daraus: Eigelb und Eiweiß werden mit etwas Milch und einer geheimen Gewürzmischung verquirlt, und es schmeckt unseren Leserinnen so am besten. Doch Romantik und Erotik, die müssen getrennt serviert werden.

Worte, abgegriffen und entwertet

Jeder, der sich mit der Sprache beschäftigt, weiß, wie sie sich wandelt. Und so vermischten sich im Laufe unserer Geschichte die Begriffe bunt miteinander. Mal war die Liebe das Edle, mal war es die Minne, dann wieder wurde die Liebe von der Philosophie besetzt, und übrig blieb uns die profane Verliebtheit. Und sehr ähnlich verhält es sich mit der „romantischen Beziehung“. Mal ist sie der Inbegriff der sinnlichen Liebe, dann wieder wird die Sinnlichkeit bis auf eine kaum merkbare „Spur von Sinneslust“ entfernt. Und die Machwerke daraus ließen sich einst bestens verkaufen. Dabei ist eine „romantische Beziehung“ kaum etwas anders als eine „erotische Beziehung“ – beide werden von der Verliebtheit dominiert, von was denn eigentlich sonst?

Wir können also durchaus behaupten: Liebe ist nur ein abgegriffenes Wort, das wir so dahinlabern. Von der „heißen Liebe“ für „erregtes Vögeln“ bis hin zum Etikett „Liebe“ für den gleichnamigen menschlichen Sozial-Kitt haben wir alles geschrieben, um das Wort verpuffen zu lassen.

Romantik und Erotik - ein hübsches Paar für den, der nicht lügt

Wenn wir nun fragen: „Vertragen sich Romantik und Erotik“, dann sitzen wir schon in der Falle – denn da fragen wir eigentlich: Vertragen sich verklärte Liebe und sinnliche Liebe? Ist verklärte Liebe (Romantik) etwa nicht sinnlich? Und ist sinnliche Liebe etwa nicht verklärt?

Unser Widerwille, Romantik und Erotik zusammenzubringen, ist fast unerklärlich. Möglicherweise wird unser Denken durch Märchen, Kitschromantik und einfältige Mädchenromane gespeist. Wer heute die romantische Profanliteratur des Spätbürgertums liest, wird eher auf verklärte Seufzer im bürgerlichen Wohlanstand stoßen als auf Sinnlichkeit. Und obwohl kaum noch einer der Autoren jener Zeit bekannt ist, blieb von ihnen doch die Unvereinbarkeit von Lust und Romantik.

Manche Autorinnen glauben, der feenhafte Zauber der zarten Lust, die sie über ihre Szenen legen, könne durch Erotik zerstört werden. Sie verkennen dabei aber, dass auch sie Erotik schreiben, nur eine relativ verlogene Version davon. Und da schient der Hasse im Pfeffer zu liegen: Viele Autorinnen fürchten offenbar, von ihrer eigenen Verlogenheit eingeholt zu werden, sobald sie eine einzige realistische erotische Textstelle schreiben würden.

Dieser Vorwurf ist übrigens nicht neu. Die sogenannte „romantische Schule“ hatte sich zur Aufgabe gemacht, das Märchenhafte, das Wunderbare, das Fantastische, das Mittelalterliche und das Orientalische zu verknüpfen, um der Realität zu entfliehen.

Die Realität und die romantische Lust – kein Widerspruch

Wer nicht vor der Realität fortläuft, darf dennoch sinnlichen träumen. Natürlich wie künstliche Düfte, aus der Retorte erzeugte Stimmungseffekte wie auch Naturstimmungen werden immer noch als romantisch empfunden. Und sie führen oftmals ganz selbstverständlich zu erotischen Szenen, die ihrerseits auch wieder in heftige Sexszenen einmünden können – das mag jeder so schreiben, wie wer will und kann.

Erotik und Romantik sind Schwestern, die einander umarmen. Wer etwas anderes behauptet, mag das tun, doch denke ich, dass er oder sie versucht, sich selbst und andere damit zu betrügen.